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Kognitionswissenschaft : Warum Kaffeetassen ergriffen werden wollen

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Das Gehrirn ist kein Computer. Diese Erfahrung machen die Programmierer von Robotern immer wieder Bild: ZB

Das Gehirn ist kein einsamer Jäger. Geist und Wahrnehmung sind aktiver, als die Kognitionswissenschaft lange gedacht hat. Und der Körper denkt mit.

          Am Anfang war der Funktionalismus: Die längste Zeit interessierten sich Kognitionsforscher mehr für die Prinzipien, die Wahrnehmen und Orientieren, Planen und Bewerten, Wollen und Denken zugrunde liegen könnten, als dafür, wie diese Fähigkeiten tatsächlich zustande kommen. Damit beförderten sie die Künstliche-Intelligenz-Forschung, die ebendiese Prinzipien bis heute in ihren Rechnern nachzubauen versucht. Sie verfestigte damit ein körperloses Bild der Kognition.

          Dagegen rebellierten schon 1991 Francisco Varela, Evan Thompson und Eleanor Rosch, die in ihrem Buch „The Embodied Mind“ die Bedeutung des Körpers für das Denken betonten. Edwin Hutchins und Kollegen setzten wenig später eins drauf und erklärten, Kognition sei nicht nur Sache des Individuums, man müsse zu ihrer Erklärung auch die Umwelt und andere Individuen einbeziehen. 1998 erschien das Buch „The Extended Mind“ der Philosophen David Chalmers und Andy Clark, in dem sie behaupten, der Geist könne durchaus auch Stift und Papier, Laptop oder was einem sonst beim Denken hilft umfassen.

          Vier Formen der Kognition

          Seither ist es unübersichtlich geworden. Immer mehr Theorien postulieren immer neue Aspekte, die berücksichtigt werden müssten, um zu verstehen, wie der Mensch es fertigbringt, sich halbwegs intelligent durch die Welt zu bewegen. Unter der etwas kryptischen Sammelbezeichnung 4E Cognition versucht die Kognitionsforschung jetzt, sich neu zu sortieren. Die wichtigsten Texte dazu haben die Philosophen Albert Newen, Leon de Bruin und Shaun Gallagher in dem gut neunhundert Seiten starken „Oxford Handbook of 4E Cognition“ versammelt.

          Die vier E stehen für embodied, embedded, extended und enactive. Die nicht immer ganz trennscharfen Begriffe besagen im Wesentlichen, dass der Geist als verkörpert und in eine Umwelt eingebettet verstanden werden muss, in der sich auch andere intelligente Wesen befinden. Andere „E-factors“ wie ecumenical, ecological und evolutionary haben es noch nicht in die kanonische Zählung geschafft, open und integrated passen leider nicht ins Schema. So heterogen diese Sammlung ist, zeigt sie doch, dass aus den ehemals ketzerischen Einzelarbeiten eine Strömung geworden ist, die alle Bereiche der Kognitionsforschung abzudecken versucht, von der Wahrnehmung über die Begriffsbildung bis zu sozialer Interaktion und Ästhetik.

          Die Forscher sind sich einig, dass der Geist eben nicht das Programm des Gehirns ist, sondern eine überlebensdienliche Fähigkeit konkreter Organismen in einer konkreten Umwelt: Der Körper bestimmt die Art, wie wir wahrnehmen, vieles brauchen wir uns nicht zu merken, weil die Umwelt uns daran erinnert, der eigene Körper spiegelt unbewusst den des anderen. Uneins sind die Forscher über die genaue Bedeutung dieser Faktoren. Für die einen geht es eher um Details wie die Vorverarbeitung eingehender Reize, bevor sie das Gehirn erreichen, andere suchen einen neuen Blick auf das große Ganze: Ist es vielleicht nur eine Frage der Bequemlichkeit, überhaupt die Unterscheidung zwischen kognitiven Systemen und ihrer Umwelt aufrechtzuerhalten?

          Das Gehirn denkt voraus

          Ein großes Thema ist die Bedeutung von Repräsentationen, die einmal den Kern klassischer Kognitionstheorien ausmachten. Für viele Vertreter verkörperter Konzepte sind sie allenfalls ein Randphänomen. An ihre Stelle treten Anstöße aus der Umwelt: Wenn ich einen Stuhl sehe, möchte ich mich setzen, der Ball verleitet, ihn zu treten, die Kaffeetasse, zuzugreifen. Kognition ist demnach weniger ein abgehobenes Spinnen von Gedanken als eine selektive Reaktion auf Handlungsmöglichkeiten. Skilled intentionality nennt das der Amsterdamer Kognitionsforscher Erik Rietveld.

          Ebenso prominent ist das Prinzip der freien Energie des britischen Neurowissenschaftlers Karl Friston, dem zufolge Organismen vor allem bestrebt sind, Überraschungen zu vermeiden. Dazu ist das Gehirn dem Geschehen immer einen Schritt voraus und versucht, vorwegzunehmen, was kommt, um sich darauf einzustellen. Wahrnehmung ist demnach etwas, das ein Lebewesen aktiv betreibt, nichts, was ihm zustößt. Sie müsse nach dem Muster des Tastens beschrieben werden, folgert der Philosoph Alva Noë, als ein aktives Sich-durch-die-Welt-Bewegen und Suchen, nicht, wie üblich, nach dem Muster des eher als passiv empfundenen Sehens. Tom Froese, der an der National Autonomous University of Mexico eine 4E Cognition Group leitet, will eine neue Wissenschaft der Intersubjektivität begründen und den Mythos vom unabhängig denkenden Individuum durch das Bild eines vielfältig mit Umwelt und Mitmenschen vernetzten Wesens ersetzen. Dieses Menschenbild ist in anderen Disziplinen freilich schon länger angekommen.

          Seit Forscher den Geist in kognitive Fähigkeiten zerlegt haben, sehen sie immer deutlicher, wie stark diese sich unterscheiden: Sehen ist eben etwas anderes als Planen oder Träumen oder Mitleiden. Es ist der Kognitionswissenschaft noch nicht einmal klar, was Kognition eigentlich ausmacht. Vielleicht, so der Vorschlag des Bochumer Kognitionsfoschers Tobias Schlicht, sollte sie sich angesichts der Vielfalt ihrer Themen damit abfinden, dass unter ihrem Dach viele verschiedene Ansätze nebeneinander bestehen bleiben.

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