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Alexander von Humboldt-Schau : Der Gipfelstürmer der Ökologie

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Warum das Krokodil nicht nur am Nil, sondern auch am Amazonas lebt, dafür legte Alexander von Humboldt eine theoretische Erklärung vor Bild: Cenak

Eine Hamburger Ausstellung beleuchtet Alexander von Humboldts Projekt einer Geographie der Pflanzen und Tiere. Sie verdeutlicht, was Naturwissenschaft und Naturerfahrung miteinander zu tun haben.

          Als Georg Forster auf Cooks zweiter Weltumsegelung im März 1773 die neuseeländische Dusky-Bay erreichte, ergaben seine „botanischen Spaziergänge“ und das Fangen von Fischen und Wasservögeln sogleich reichlich Material zum taxonomischen Zeichnen. Linnés tabellarisches „Systema Naturae“ weiter zu vervollständigen galt als vornehmliches Ziel der Forschung. Forsters Schüler Alexander von Humboldt verdankte diesen Schilderungen seine „unvertilgbare Sehnsucht nach der Tropengegend“. Auch er erfasste auf seinen großen Reisen durch Südamerika (1799 bis 1804) und Russland (1829) eine ungeheure Zahl neuer Arten, allerdings mit einer über Linnés statische Systematik hinausweisenden Perspektive. Plötzlich war nicht mehr nur die schiere Existenz und taxonomische Zuordnung von Lebewesen entscheidend, sondern deren Position in einer dynamisch begriffenen Umwelt, für den man erst nach 1860 den Begriff der Ökologie gebrauchen wird.

          Humboldt gestaltet damit die ältere klassifikatorische Naturgeschichte zu einer neuen Historisierung der Natur um. Dieser ganzheitlichen Sichtweise auf die Entstehungs- und Lebensbedingungen von Tieren und Pflanzen – etwa im Kontext von Topographie, Meteorologie, Ethnologie, Landschaft oder Kunst – gilt jetzt die erste große Doppelausstellung im Humboldtjahr zum 250. Geburtstag. Sie ist in Hamburg auf die beiden Standorte Zoologisches Museum und Botanischer Garten verteilt.

          Die Grundidee beider Sektionen, die geographische Verbreitung von Arten als alternatives Ordnungsprinzip der bloßen Klassifikation gegenüberzustellen, hat Humboldt prominent verfolgt. Seine beiden früheren Anreger, Eberhard August Wilhelm von Zimmermann mit seinen tiergeographischen Weltkarten und Jean-Louis Giraud Soulavie mit seinen botanischen Bergprofilen, verschweigt die Ausstellung deshalb aber nicht. Diese Vordenker schmälern indes nicht Humboldts Verdienste, die ein eindrucksvoller Querschnitt durch die Anden zusammenfasst: Hier sind Pflanzennamen nach ihrer jeweiligen Lebensregion und biologischen Nachbarschaft eingetragen und um Tabellen – etwa zu Klima oder Umwelt – ergänzt.

          Der Chimborazo, den man damals s für den höchsten Berg der Erde hielt, wurde von Alexander von Humboldt nicht nur bestiegen, sondern auch geographisch eingeordnet

          Im Zentrum dieses großartigen Tableaus ist der damals als höchster Berg der Welt geltende Chimborazo zu sehen, dessen Besteigung durch Humboldt Rainer Simons Film von 1989 oder Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ (2005) wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt haben. Entsprechend empfängt den Besucher im Zoologischen Museum zunächst ein Abschnitt zu den schwierigen Bedingungen des Reisens um 1800. Gezeigt werden einige der rund fünfzig bis auf sechstausend Meter geschleppten Instrumente zur Messung der Höhe oder Temperatur, des Luftdrucks oder der Himmelsbläue. Die primitive Ausstattung – „wir trugen kleine Stiefel, einfache Kleidung, waren ohne Handschuhe“ – wird moderner Hochgebirgsausrüstung gegenübergestellt. Besonders schön ist ein Faksimile des am 7. Mai 1799 ausgestellten spanischen Reisepasses, ein siebenseitiges Dokument mit vielen Einträgen, ohne den in die meisten Regionen gar nicht vorzudringen war. Rar sind auch zwei der 66 Ölgemälde des Expeditionsmalers Rafael Troya, der 1868 bis 1876 mit den deutschen Vulkanologen Wilhelm Reiß und Moritz Alphons Stübel auf Humboldts Spuren reiste.

          Von diesem Reiseraum geht es ein Stück durch die ständige Ausstellung, in der Markierungen und Zitate auf die auch in Humboldts Amerika-Werk oder der Russland-Reise beschriebenen und gezeichneten Tiere verweisen, darunter Brüllaffen, Krokodile, Kondore, Leoparden und Tiger. In einem eigenen Tierraum werden einige Exponate anhand von Humboldts Beschreibungen vertieft. Besonders faszinierend ist der Fang von Zitteraalen, der nur gelang, indem man zur elektrischen Entladung der Fische zunächst Pferde ins Wasser vorausschickte.

          Natur als Erfahrung und System

          Auch im botanischen Teil der Ausstellung stehen Humboldts eigene Zeichnungen im Zentrum. Der Gedanke einer multidisziplinären Pflanzengeographie wird hier nochmals sehr eindrücklich entfaltet. Man versteht, wie Pflanzen über die starre Systematik Linnés hinaus seit Humboldt in den Kontext der Ökologie und Klimaforschung, der Kolonisierung (Einführung oder Bedrohung von Arten), der Ethnologie und Agrarwissenschaft (botanische Praktiken der Völker), der Pharmakologie (Drogen und Heilpflanzen) oder der Kunstgeschichte (Buchillustration, Landschaftsmalerei) gerückt werden.

          Der Titel der Ausstellung verweist übrigens auf Hamburg selbst: Humboldt studierte in der Hansestadt 1790/91 nicht nur acht Monate Mathematik und Handelsgeographie, sondern hier wurde am 11. Juni 1804 auch fälschlicherweise sein Tod in Acapulco gemeldet. Dass Humboldt aber noch weit über den Todestag am 6. Mai 1859 hinaus weiterlebt, steht auch dank dieser schönen Ausstellung außer Frage. Kein Name kommt zur Bezeichnung in der Botanik oder Geographie häufiger vor, kaum ein Deutscher ist in Südamerika bis heute bekannter als er.

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