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Akademischer Mittelbau : Kommt uns nicht mit Ehre!

Junge Wissenschaftler protestieren gegen ihre Arbeitsbedingungen Bild: KAY HERSCHELMANN

Der akademische Mittelbau muss für die Strukturschwächen des Hochschulsystems mit Überstunden und moralischer Ausbeutung bezahlen. Das will er sich nicht mehr gefallen lassen.

          Durchschnittlich zwölf unbezahlte Überstunden pro Woche leistet der akademische Mittelbau laut einer Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, über die das Fachmagazin „Forschung und Lehre“ berichtet. Umgelegt auf die rund 180 000 wissenschaftlichen Mitarbeiter an deutschen Hochschulen, wären das rund hundert Millionen Stunden unbezahlte Arbeit pro Jahr. Hauptursache für diese moderne Form der Ausbeutung ist die Projektforschung, in deren Namen immer mehr Projekte, Sonderforschungsbereiche, Cluster und Sammelbände entstehen, die von diesen Mitarbeitern koordiniert, betreut, begutachtet werden müssen. Zum Dank erhalten sie befristete Verträge, damit sie nach Ende eines Projekts sich wieder neu bewerben dürfen. Das hält sie anspruchslos und flexibel und macht sie wissenschaftspolitischen Vorgaben gefügig. Was unbedingt notwendig ist. Denn nach weithin geteilter Ansicht legt jeder Wissenschaftler, von dem vorher erwartet wurde, für seine Aufgabe so zu brennen, dass ihn alle materiellen Werte beleidigen, nach der Festanstellung sofort die Beine hoch. Das wäre ihm nicht einmal zu verübeln. Denn wer kennt nach dem fünften Projekt in kurzer Folge noch die wissenschaftliche Frage, die ihn einmal angetrieben hat?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die langfristigen Nebenwirkungen dieser Liveticker-Wissenschaft haben sich mittlerweile bis auf die höchste Ebene herumgesprochen: Konformismus, Gedankenblässe, Berge ungelesenen Papiers. Doch weil die Vergabe von Projektgeldern Macht und Einfluss sichert, ändert sich nichts. Lieber nimmt man hin, dass die „besten Köpfe“ in die schnelllebige Wirtschaft abwandern, die erstaunlicherweise viel niedrigere Befristungsquoten hat. Weil das sachlich nicht zu rechtfertigen ist, werden Systemschwächen mit Appellen an die Moral überdeckt: Wissenschaft sei eine Frage der Ehre und die Bitte um Entlohnung unehrenhaft. Vorträge, Gutachten, Anträge, Lehre, heißt es weiter, dienten der Reputation und müssten aus ebendiesem Grund nicht bezahlt werden. Von Freunden, Partnern und Familien wird erwartet, jederzeit Verständnis für einen Wissenschaftler zu haben, der nach Erkenntnis greift, und ihm finanziell unter die Arme zu greifen, wenn der Staat sich dem Versorgungsauftrag verweigert. Auch ein Ministeramt bringt Reputation, lässt sich hier einwenden, und man könnte lange darüber nachdenken, warum das, verständlicherweise, noch keinen Politiker zum Gehaltsverzicht bewegt hat.

          „Gravamina der deutschen Universität“ heißt das Dokument, das eine lange Twitter-Diskussion unter akademischen Mitarbeitern zusammenfasst und das den politisch verfügten Konsens in Stücke schlägt. Keine Arbeit ohne Lohn, keine unvergüteten Gutachten, Vorträge, Konferenzbesuche, Lexikonartikel, Lektorate, Lehraufträge, fordern die Autoren. Und Schluss mit dem verlogenen Argument, dass Wissenschaft Lebensform und Berufung ist. „Wir können und sollten nicht länger das System stabilisieren“, heißt es zum Abschluss. „Es geht auch anders. Es muss.“

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