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Der Geist der Bundesrepublik : Die Demokratie beginnt daheim

  • -Aktualisiert am

Parlamentarischer Rat, 1948: Theodor Heuss spricht als Hauptredner der liberalen Fraktion Bild: Erna Wagner-Hehmkes

Volksherrschaft als Lebensform: Klingt diese Idee nicht totalitär? Nicht in den Ohren der Deutschen, die nach 1949 den Begriff der Demokratie mit Leben füllen mussten.

          Als Theodor Heuss 1946, am Jahrestag der Märzrevolution von 1848, über „Deutschlands Zukunft“ sprach, erinnerte er daran, wie sehr sich „Piefke aus Moabit“ bis vor kurzem noch „als Herrenmensch“ gefühlt hatte. Zwar mochten sich die Deutschen nun „Demokraten nennen“. In Wahrheit müssten sie „bei dem Wort Demokratie ganz vorn anfangen im Buchstabieren“. Die Demokratie sei nicht allein ein „Rechenverfahren“. Sie beruhe zunächst auf der „Anerkennung eines freien Menschentums, das auch im Gegner den Partner sieht“.

          Vier Jahre später, inzwischen zum Bundespräsidenten gewählt, fragte Heuss in Heilbronn: „Was heißt Demokratie als Lebensform?“ Und gab die Antwort: „Doch nur dies: dem Menschen, gleichviel wer er sei und woher er käme, als Mensch zu begegnen.“

          Den Deutschen war dumm im Kopf

          Dass die Nachkriegsdeutschen den Begriff der Demokratie fast beliebig füllten, fiel vor allem Remigranten auf. Nach dem „hingehaltenen neuen Wort“, notierte der Kunsthistoriker Julius Posener, greife man „wie nach einer Planke im Schiffbruch“. Aber das Wort sei „bis dato inhaltsleer, und wohin sie auch blicken, so werden die Deutschen nicht viel sehen, was man auf dieses Wort beziehen könnte. Sie haben einen Stoß bekommen, es war ihnen eine ganze Weile davon dumm im Kopf, und da sie sich umsehen, finden sie nichts als ein Wort und schreiben es als neuen Titel über die alten, noch halb geglaubten Inhalte.“

          Zwar gab das Grundgesetz seit Mai 1949 einen Rahmen für die weitere Suche nach der Demokratie vor. Doch die Bonner Republik war ein Provisorium, das sich im Schatten des Nationalsozialismus und des Kalten Krieges einrichten musste. Anschaulich zeigt das der Streit über die „freiheitliche demokratische Grundordnung“, die in den Artikeln 18 und 21 des Grundgesetzes erwähnt wird.

          Bilder des Zusammenlebens

          Die von Heuss gestellte Frage, was die Demokratie als Lebensform sei, trieb die Öffentlichkeit im motorisierten Biedermeier um. Ernsthaft und vielstimmig war die Debatte über die schwer fassbare Grundlage der Demokratie. Tastend, ja unbeholfen gingen die Teilnehmer zu Werke, und so gelang es ihnen allmählich, Bilder des Zusammenlebens zu entwickeln, die Grundlage eines demokratischen Selbstbewusstseins werden konnten. Die Vorstellung der Demokratie als Lebensform war ein Kind des Streits.

          Das zeigt etwa die Auseinandersetzung darüber, ob eine patriarchalische Geschlechterordnung oder eine umfassende Gleichberechtigung von Männern und Frauen als eine der Voraussetzungen der Demokratie zu gelten habe. Noch der schärfste Disput über demokratische Formen war von der Überzeugung getragen, dass es ohne einen solchen Streit keine Demokratie geben könne.

          Wahlrecht allein reicht nicht

          In der Gründerzeit der Republik war die Vorstellung gängig, dass die Demokratie „nichts anderes als die Frage nach dem Lebensstil eines Volkes“ sei, wie Robert Tillmanns in der „Tabak-Zeitung“ aus Mainz schrieb. Der „Wert“ stecke „nicht darin, dass wir ein Parlament und allgemeines Wahlrecht“ hätten, betonte der stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU und Bundesminister für besondere Aufgaben auf dem Jugendhof in Vlotho im Oktober 1955. Der „letzte Wert“ sei der, „dass wir als Menschen, als Bürger eines Staates lernen, so miteinander umzugehen, dass wir uns gegenseitig ernst nehmen“.

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