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Dipesh Chakrabarty zum 70. : Die Kristallkugel ist nichts als eine kaputte Glühbirne

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Dipesh Chakrabarty Bild: Imago

Von Indien aus gesehen sieht Europas Zauber provinziell aus: Der Historiker Dipesh Chakrabarty, einflussreicher Verfechter west-östlicher Perspektivwechsel, wird siebzig Jahre alt.

          In einem kurzen Essay für das Mitgliedermagazin der American Historical Association machte sich Dipesh Chakrabarty vor einigen Jahren Gedanken über die Frage, für wen die akademische Geschichtswissenschaft eigentlich schreibe. Er selbst jedenfalls stelle an sein professionelles Schaffen zwei recht unterschiedliche Anforderungen. Als Lehrer wolle er verständlich machen, was komplex erscheine. Als Forscher suche er hingegen die intellektuelle Herausforderung und die Infragestellung der eigenen Vorannahmen. Und lese mit Vorliebe jene Autoren, die vermeintlich einfache Konstellationen so vielschichtig wie möglich darstellten.

          Dass Komplexität und Klarheit in historischen Studien durchaus harmonieren können, hat Chakrabarty in seinem zuerst 2000 erschienenen, in viele Sprachen übersetzten Buch „Provincialising Europe“ (deutsch bei Campus) gezeigt. „Europa provinzialisieren“ gehört inzwischen zu den Standardformeln der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Losung wird auch von Leuten gebraucht, die sich mit postkolonialen Ansätzen eher schwertun.

          Chakrabarty verweist darauf, dass in der Praxis der Historiker permanent historische Asymmetrien reproduziert werden: Forscher, die Asien oder Afrika untersuchen, beziehen sich ständig auf europäische Modelle und europäische Stile der Geschichtsschreibung, während diejenigen, die über Europa schreiben, die Freiheit haben, die Erfahrungen von Asiaten oder Afrikanern zu ignorieren. Die unreflektierte Anwendung im Westen entstandener Konzepte, Theorien und Methoden spiegelt sich in den problematischen Annahmen, Europas historische Entwicklung sei „natürlich“, der Rest „abweichend“ und „erklärungsbedürftig“. Diese Sicht verweise die außereuropäische Welt in einen imaginären „Warteraum der Geschichte“, den sie erst durch eine Art nachholender Modernisierung verlassen könne.

          Der Mensch als „geophysikalische Kraft“

          Welchen Ausweg gibt es aus dem Dilemma, dass westlich konnotierte Konzepte und Kategorien in nicht-westlichen Kontexten ebenso unangemessen wie unentbehrlich sind? Die „Provinzialisierung Europas“ bedeutet die Einstufung unseres Kontinents als einer Weltregion unter vielen. Einige Kritiker halten Chakrabarty vor, sein Programm nicht umgesetzt zu haben. Nach-aufklärerische Rationalität, bürgerliche Gleichheit, Moderne und Liberalismus erschienen bei Chakrabarty keineswegs als „provinzielle“ Ideologien, sondern als ein Raster von Wissen und Macht, das Menschen dazu zwinge, ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Gemeinschaft zugunsten einer Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen dem unspezifischen Individuum und dem Nationalstaat aufzugeben. Bestenfalls könnten die Nicht-Europäer nach „Alternativen“ zu einer Moderne streben, die entschieden einzigartig und entschieden europäisch sei.

          Fragen nach den epistemologischen, methodischen und ideologischen Dimensionen der Geschichtsschreibung stehen im Zentrum von Chakrabartys jüngster, vor drei Jahren publizierter Monographie über den indischen Historiker Sir Jadunath Sakar (1870 bis 1958). Dieser gehörte während der Kolonialzeit zu den angesehensten Akademikern des Landes, wurde zum Ritter geschlagen und als erster Inder Mitglied des nordamerikanischen Historikerverbandes, geriet gegen Ende seines Lebens jedoch bereits in eine Randposition. Heute ist er nahezu vergessen. Chakrabarty zeigt an diesem Fall, wie Historiker im kolonialen Indien ihre Konzepte und Praktiken in intensiven, häufig auch bitteren und verletzenden Debatten im öffentlichen Raum entwickelten.

          Große Resonanz erfuhren gerade hierzulande Chakrabartys Überlegungen zum Anthropozän, insbesondere zum menschengemachten Klimawandel und dessen Folgen für das historische und politische Denken. Er schreibt vom Menschen als einer „geophysikalischen Kraft“ und postuliert, dass nicht allein die Natur-Kultur-Dichotomie in Frage gestellt werden müsse, sondern auch neue Begriffe von Vergangenheit und Zukunft nötig seien.

          Chakrabarty wuchs in Kalkutta auf. Vergleichsweise spät fand er zur akademischen Beschäftigung mit der Historie. In seiner Heimatstadt absolvierte er zunächst ein Studium der Physik, dem schloss sich ein Diplom im Fach Management an. Promoviert als Historiker wurde er in Canberra. Chakrabarty, der seit 1995 an der Universität von Chicago lehrt, gehörte zu den Gründern der Forschergruppe, die sich unter dem Titel der „Subaltern Studies“ sammelte. Die damals entwickelte Lust an methodischen Debatten hat ihn nicht verlassen. An diesem Samstag feiert er seinen siebzigsten Geburtstag.

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