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Debatte um Universitätsasyl : Der Campus als Sonderrechtsgebiet

  • -Aktualisiert am

Griechische Studenten demonstrieren gegen die Beschneidung des Universitätsasyls. Bild: dpa

Antiker Freiheitsort als moderne Legende: Der Campus, in dem Polizei und Staatsanwalt nichts zu suchen haben, wäre ein Marsch zurück ins Mittelalter. Ein Gastbeitrag zur Abschaffung des Universitätsasyls in Griechenland.

          Die Universität Thessaloniki, die größte von Griechenland, trägt den Namen von Aristoteles. In Athen präsentiert sich das von Christian Hansen entworfene Hauptgebäude der dortigen Alma Mater in einem lupenreinen Klassizismus. Hinter der ionischen Säulenfront des zentralen Eingangs ist in luftiger Höhe eine Serie von Wandgemälden zu sehen, welche die geistigen und politischen Leistungen der Griechen im Altertum sowie in den nachantiken Epochen feiern, kulminierend in der Neuschöpfung eines griechischen Staates unter König Otto.

          Es mag also naheliegen, gegen den kürzlich auf Antrag der griechischen Regierung gefassten Parlamentsbeschluss, das 1982 unter dem damals noch frischen Eindruck der acht Jahre zuvor abgeschüttelten Obristendiktatur eingeführte Universitätsasyl wieder abzuschaffen, auch mit einem Verweis auf die Antike zu opponieren, selbst wenn das in manchen Ländern bis heute praktizierte Kirchenasyl die näherliegende Assoziation sein mag. Immerhin jedoch habe die weltweit wohl einmalige Institution des griechischen Universitätsasyls, so war kürzlich zu lesen, ihre Wurzeln im Altertum gehabt und ursprünglich freie Rede und Lehre garantiert.

          Der unverletzliche Ort

          Das trifft nicht zu, denn beim antiken griechischen Asyl ging es um etwas anderes. Das Wort „asylos“ bezeichnete als Attribut einen Ort, an dem Personen oder Sachen vor einem Zugriff geschützt waren, wobei dieser im gewaltsamen Ausüben von Selbsthilfe oder im Wegnehmen bestehen konnte. Der unverletzliche Ort war zunächst in der Regel ein Altar, ein Tempel oder ein ganzes Heiligtum. Dort auf jemanden oder etwas zuzugreifen galt als Frevel und zog göttliche Strafe nach sich. Später bildete sich, stark vereinfacht gesagt, ein Unterschied zwischen dem von jedem Heiligtum gewährten sakralen Schutz für darum Bittende, der rituellen Hikesie, und einem persönlichen beziehungsweise ortsgebundenen, rechtlich-politisch garantierten Schutz, der Asylie.

          Beides zu verbinden und vor allem abzusichern waren spätestens seit der Alexanderzeit viele Stadtstaaten bemüht, da die Hoffnung auf göttliche Strafe für eine Verletzung des Ortes zwar fromm, doch in der Praxis oft wenig wirkungsvoll war. Ein Heiligtum oder besser noch ein großer Teil des Staatsgebietes sollte nun von möglichst vielen greifbaren Akteuren offiziell als Asyl anerkannt werden. Eine solche Anerkennung zielte jedoch keineswegs auf den Schutz von Menschen, die sich einer Strafverfolgung, ihren Gläubigern oder ihrem Ehemann entziehen wollten; vielmehr ging es um den anerkannten Schutz des Landes und der Bürger etwa vor Seeräubern.

          Doch die Nebenfolgen einer solchen Ausweitung lagen so nahe wie im aktuellen griechischen Kontext, in dem es der Regierung darum zu tun ist, nicht länger Drogenhändlern, Hehlern, Vergewaltigern oder Randalierern einen sicheren Rückzugsort auf einem Universitätsgelände einzuräumen. Da entlaufene Sklaven, verzweifelte Schuldner und flüchtige Verbrecher aus der Sicht der mehrheitlich akzeptierten Ordnung missbräuchlich Asyl beanspruchten, ordnete der römische Senat in der frühen Kaiserzeit an, die von den einzelnen Orten für sich in Anspruch genommenen Rechte zu überprüfen; diese Revision reduzierte die Zahl der anerkannten Asylstätten erheblich.

          Schlichter Automatismus

          Aufgrund des Begnadigungsrechtes des Kaisers galt allerdings jede Stätte des Kaiserkultes als Asyl, und oft wuchs sich die Flucht zu einer der im Römischen Reich im öffentlichen Raum zahlreichen Kaiserstatuen zum Mittel aus, einer berechtigten Strafe zu entgehen. Bereits Jahrhunderte vorher hatte Euripides in der Tragödie „Ion“ den Protagonisten klagen lassen: „Schlimm, wie ungerecht und ohne jede Weisheit / der Gott den Menschen solche Bräuche setzen konnte! / Verbrecher sollten am Altar nie sitzen dürfen, / nein, fortgewiesen sein! Nie dürften schuldbefleckte Hände / das Göttliche berühren. Nur Gerechte sollten, / wenn man zu Unrecht sie verfolgt, im Tempel sitzen, / und nicht der Gute wie der Böse aus der Hand / der Götter gleiches Recht am gleichen Ort empfangen!“

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