https://www.faz.net/-gqz-9n6hp

Das Parlament im Comic : Das Album des Hohen Hauses ist so bunt wie das Volk

  • -Aktualisiert am

Reden konnte sie wie ein Abgeordneter - und schon seit 1919, als die deutschen Frauen das aktive und passive Wahlrecht erhielten, auch als Abgeordnete. Marie-Elisabeth Lüders betrieb Sozialpolitik. Sogar die FDP wollte einmal so modern sein. Bild: avant-verlag GmbH

Im Auftrag des Bundestages hat der Comiczeichner Simon Schwartz die Biographien von Abgeordneten erzählt. Was lernen wir von ihm über die Repräsentation?

          Wenn wir das Grundgesetz feiern, dann lohnt sich ein Blick auf jene bemerkenswerte Ansammlung an Menschen in jener merkwürdigen Institution, dem Parlament. Vielen scheint klar zu sein, was die Volksvertretung zu bedeuten hat: Sie ist die Legislative. Aber ist das alles?

          Die vom Deutschen Bundestag in Person seines früheren Präsidenten Norbert Lammert in Auftrag gegebene Graphic Novel „Das Parlament“ von Simon Schwartz (Avant-Verlag, Berlin 2019. 104 S., geb., 22,– Euro) ist deswegen so anstrengend und aufregend und schön, weil die 45 Lebensläufe von Abgeordneten vor Augen führen, wie kompliziert die Geschichte des Parlaments ist und aus welchen lauteren, aber auch dunklen Quellen sie sich speist und mit ihr der ganze Gedanke der Demokratie.

          Gewürdigt werden nicht nur seit je Geehrte wie der Sozialdemokrat Otto Wels, sondern auch Menschen, die sich nicht glatt in die bundesrepublikanische Erinnerung fügen wie der ostdeutsche Philosoph Lothar Bisky, Bundesvorsitzender der PDS, der von seiner Partei 2005 vergeblich als Vizepräsident des Bundestags vorgeschlagen wurde.

          Es begann im neunzehnten Jahrhundert

          Schwartz geht bis auf die Paulskirche von 1848/49 zurück und überspringt den Reichstag im Kaiserreich nicht – in seinem Bilderbogen trifft man etwa auf den Parlamentspräsidenten Heinrich von Gagern und den großen Gelehrten Rudolf Virchow. Die Geschichte des Parlaments begann in Deutschland wie in den meisten anderen kontinentaleuropäischen Ländern im neunzehnten Jahrhundert.

          Der Parlamentarismus ist Teil der Demokratiegeschichte, obwohl er keineswegs aus einer klaren Idee von Demokratie entsprungen ist, die sich irgendwie – aber wie genau? – um die Trias von Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit dreht. Das Parlament entwickelte sich in den allermeisten Fällen in Monarchien und war ein Effekt aus vielerlei Notwendigkeiten, Brüchen und Kontingenzen.

          Kein Zugeständnis ans Volk

          Das Abgeordnetenhaus bot nicht zuletzt eine Antwort auf Probleme des modernen Staatsgeschehens. Um 1800 wurde den klugen Köpfen klar, dass die Gesellschaften zu kompliziert geworden waren, um von einem Einzelnen regiert zu werden. Es erschien schlicht zweckmäßig (auch mit Blick auf das erfolgreiche Großbritannien), mehr Bürger in das Staatsgeschehen einzubinden.

          Das war kein Zugeständnis an ein dräuendes Volk, sondern kluges Kalkül von oben – die Wahlbeteiligung blieb fast überall lange gering. Demokratie ist in mancher Hinsicht ein Elitenprojekt. Wer Steuern zahlte, sollte sich einbringen. Da die Staaten weite Territorien umfassten, musste für Repräsentation gesorgt werden.

          Die Herren Abgeordneten

          Zu den dunklen Quellen des Parlamentarismus gehört seine enge Verbindung mit Männlichkeit: Die freie Rede in der Öffentlichkeit, so die Historikerin Mary Beard, zeichnete schon in der Antike den Bürger aus, während die Frau allein als Schweigende, schamvoll die Augen Niederschlagende im republikanischen Gefühlshaushalt Akzeptanz fand. Männlich war es, das Ganze zu repräsentieren, weiblich, schmückendes Beiwerk zu bilden.

          Lange brauchte man Eigentum, um zu wählen und gewählt zu werden. Frauen waren in den aufblühenden Rechtsstaaten kaum als Eigentümerinnen denkbar – eher schon als Besitz des Mannes. Die Allianz von Männlichkeit und Parlamentarismus war so intim, dass manche feministische Theorie heute noch das ganze System für unbrauchbar hält.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.