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Johann Georg Hamann : Also sprach Sokrates

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Johann Georg Hamann Bild: Picture-Alliance

Ein Buch für keinen und zwei: Mit den „Denkwürdigkeiten“ von 1759 begann Johann Georg Hamanns Karriere als Autor. In Heidelberg entdeckten die versammelten Hamann-Forscher darin jetzt ein Gegenprogramm zur aufgeklärten Öffentlichkeit.

          „Versuch einiger Betrachtungen über den Optimismus“ – so nannte Immanuel Kant einen kleinen Traktat, den er 1759 veröffentlichte. Mit Leibniz überzeugt, in der besten aller Welten zu leben, blickte der Philosoph trotz russischer Besatzung optimistisch in die Zukunft. Kurz zuvor hatte er sich an Zarin Elisabeth gewandt, um die Professur seines verstorbenen Vermieters Johann David Kypke zu erhalten. Obwohl der Versuch scheiterte, blieb Kant positiv gestimmt.

          Während der Magister an seiner Karriere feilte, wurde sein Orts- und Zeitgenosse Johann Georg Hamann von der Firma Berens in die englische Hauptstadt entsandt. Als seine handelspolitische Mission scheiterte, lief sein Leben aus dem Ruder. „Ich fraß umsonst, ich soff umsonst, ich buhlte umsonst, ich rann umsonst“, notierte er in seinen „Gedanken über meinen Lebenslauf“. Der Autobiograph schilderte eine „Höllenfahrt der Selbsterkenntnis“ – Kant griff den Ausdruck 1797 in seiner „Metaphysik der Sitten“ auf.

          Als Ariadnefaden im Labyrinth der Londoner Lebenskrise erwies sich für den Vielleser Hamann die Bibel. Ein kräftiger Faden: „Wir liegen alle in einem so sumpfichen Gefängnis, worinn sich Jeremias befand. Alte Lumpen dienten zu den Seilen, ihn heraus zu ziehen.“ Diese von Hamann in den „Londoner Schriften“ – neu ediert von Oswald Bayer – mit Vorliebe zitierte Jeremia-Stelle charakterisiert seine Sicht der Heiligen Schrift. Danach steht deren menschliche Gestalt (Lumpen) keineswegs im Widerspruch zu ihrer göttlichen Inspiration (Rettungsseil).

          So wurde der England-Reisende nicht zum Fundamentalisten. Vielmehr verstand er sich in vertiefter Weise als „Philologe“. Seine schon früh hervortretende Neigung „zu Alterthümern, Critik“, zu „Poesie und Romanen“, zu französischen Schriftstellern und britischen Empiristen wie David Hume bot ihm metaphysikkritische Argumente und stilistische Mittel, um eine biblisch-sinnlich-existentielle Anthropologie mit dem verabsolutierten Vernunftkult des Siècle des lumières zu konfrontieren. Hamanns kurze publizistische Texte in den Gattungen von „Denkwürdigkeiten“, „Fragmenten“ oder „Einfällen bieten Gelehrten vieler Fächer alle vier Jahre reichlich Gesprächsstoff. Das zwölfte Internationale Hamann-Kolloquium fragte jetzt in Heidelberg nach der Bedeutung der Rhetorik in seinen Schriften.

          Es genügte ihm, von Einzelnen verstanden zu werden

          „Meine eigentl. Autorschaft“, schrieb Hamann rückblickend an Friedrich Heinrich Jacobi, „hebt sich mit 1759 und den Sokratischen Denkwürdigkeiten an.“ Dieses Werk war erstmals in jenem „dunklen Stil“ abgefasst, der zu seinem Markenzeichen wurde. „Kein Alcymist, kein Jacob Böhme, kein wahnwitziger Schwärmer“, urteilte Christian Ziegra, Herausgeber der „Hamburgischen Nachrichten aus dem Kreise der Gelehrsamkeit“, hätte „unverständlicheres und unsinnigeres Zeug reden und schreiben“ können.

          Wie die Komparatistin Linda Simonis (Bochum) ausführte, leistete der Abbruch der Tradition der Rhetorik im achtzehnten Jahrhundert solchen Fehleinschätzungen Vorschub. Die grundlegende Adressatenbezogenheit von Hamanns Schreiben werde deutlich am Gebrauch rhetorischer Mittel wie Imitatio, Adaption, Parodie oder Cento. Diese literarische Technik, „Flickwerk“ aus Anspielungen, Begriffen und Zitaten kunstvoll zu verknüpfen und dadurch neue Muster zu erzeugen, etwa Paulus und Diderot, Petrus und Mendelssohn zusammenzubringen, stelle an Rezipienten höchste Ansprüche.

          Hamann, behauptete der Editionsphilologe Roland Reuß (Heidelberg), wollte kein moderner bürgerlicher Schriftsteller mit gut gängigen Publikationen sein. Vielmehr legte er es wie sein späterer Leser Søren Kierkegaard darauf an, von Einzelnen verstanden zu werden. Deshalb gab er dem Sokrates-Buch auf dem Titelblatt eine doppelte Zuschrift: „an Niemand und an Zween“. Dieser „Niemand“ erscheint geradezu als mythische Größe: als Ungeheuer. Der Autor verweigerte sich einem wachsenden Kult anonymer „Öffentlichkeit“, sah sich jedoch einer ganzen Priesterkaste – Literaturkritikern, Zeitungsleuten, Verlegern – gegenüber, die dem Moloch Publikum tagtäglich kleine und große publizistische Opfergaben darbrachten. Hamann legte es darauf an, seine Opponenten und Freunde Berens und Kant mit Hilfe des Mediums Buch zu erreichen. Hamann spricht mit Sokrates „von Lesern, welche schwimmen könnten“. Die Interpretation von Reuß: Der Autor sei „auf das Verständnis, die Körpertätigkeit und das Weltvertrauen seiner Leser elementar angewiesen – sie müssen aktiv sein im Gegensatz zu jenen, die sich ,Brücken und Fähren der Methode‘ zimmern“.

          Kant, der über seine Heimatstadt nicht hinausgelangte, profitierte von der England-Expertise seines Mitbürgers. Dieser übersetzte nämlich um 1769 die „Nachtgedanken eines Zweiflers“, den Anfang von Humes „Treatise of Human Nature“. Die frühe Schrift „Über den Optimismus“ erschien Kant danach nicht mehr haltbar.

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