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Neues von den Germanen (1) : Sie sind überall

Beim Viking Festival im spanischen Catoira, August 2018 Bild: Reuters

Serien wie „Game of Thrones“ und Filmreihen wie „Thor“ sind ohne germanische Erzählstoffe nicht denkbar. Warum sind sie so populär, auch bei Mittelalter-Festen in der Realität? Interview mit einem Kulturwissenschaftler.

          F.A.Z.: Sie haben kürzlich an einer Tagung in Göttingen teilgenommen, bei der es um die „sogenannten Germanen“ ging? Warum „sogenannt“?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Niels Penke: Die Tagung ging mit einem sehr dekonstruktiven Blick an das Thema heran. Der Begriff „Germanen“ ist vor allem durch Tacitus geprägt, er kommt aus einer römischen Fremdperspektive und ist seither eher eine holistische, auf Ganzheit zielende Konstruktion. Problematisch wurde er in politisch-nationalistischen Konzepten des 19. Jahrhunderts, die wir in der Gegenwart noch vielerorts wiederfinden, besonders in populär- und pseudowissenschaftlichen Darstellungen. Das war der Aufhänger der Tagung: Das Verhältnis der sogenannten Germanen zu dem, was man fachwissenschaftlich darüber sagen kann.

          Braucht man den Begriff der Germanen oder auch der Wikinger nicht auch in der heutigen Universitätslehre?

          Es kommt immer darauf an, was Sie wollen. Wenn Sie eine Veranstaltung anbieten mit dem Thema „Wirtschaftspolitik im Hochmittelalter Nordeuropas“, kommen zehn Teilnehmer, wenn Sie den Begriff der Wikinger verwenden, kommen hundert. Bei den Germanen verhält sich das ebenso. Die Anschlusskommunikation ist einfach leichter.

          Zugleich sind Sie Koordinator der Forschungsstelle Populäre Kulturen. Welche Rolle spielen die sogenannten Germanen in der Pop-Kultur?

          Niels Penke

          Sie spielen sehr viele Rollen. Egal ob in Film, Musik, Roman, Comic oder bei lebensweltlichen Events – die Germanen sind überall.

          Es fällt auf, dass die Germanen und ihre Götter in Filmen der letzten Zeit überaus erfolgreich sind: „American Gods“, „Vikings“, Marvels „Thor“, „Herr der Ringe / Hobbit“. Was macht die Germanen so anziehend?

          Die Serien, die Sie gerade genannt haben, sprechen, glaube ich, ein unterschiedliches Klientel an. „American Gods“ in seiner postmodernistischen, metareflexiven Art, wie dort mit Mythenbildung und -adaption umgegangen wird, ist etwas ganz anderes als „Vikings“. Diese letzte Serie ist wahrscheinlich so besonders beliebt, weil sie eine nahtlose Erzählung liefert mit heroischen Figuren, die dem entsprechen, was man sich unter wilden Wikinger-Kriegern vorstellt, und darüber ganz allgemein Grundfragen menschlichen Daseins thematisiert. Es geht um Familie, es geht um Rivalität zwischen Brüdern – das alles in einem stimmig gemachten historischen Korsett. Das Ganze spielt in einer Art Super-Mittelalter, in dem eine Menge real-historischer Ereignisse mit literarischen Fiktionen verschränkt werden zu einer extrem spannungs- und handlungsreichen Erzählung. Im Abspann sieht man übrigens, dass die Serie wissenschaftliche Beratung durch einen "Saga Consultant" in Anspruch genommen hat – wenngleich der Umgang mit den Saga-Vorlagen recht frei ist.

          Oftmals kommen sie wieder: König Ragnar (Travis Fimmel, links), sein Bruder Rollo (Clive Standen) und Lagertha (Katheryn Winnick) aus der Serie „Vikings“

          In welchem Umfang sind literarische Überlieferungen in den „Vikings“ wiedererkennbar?

          Es gibt sehr viele Motive, die man aus der Edda oder aus Saxo Grammaticus’ „Gesta Danorum“ kennt. Wobei sich in den Originalen viele Lücken finden, unerklärte Übergänge. Das Ganze ist ein sehr widersprüchliches Textgeflecht, auf das man sich 800 Jahre später an manchen Stellen keinen rechten Reim mehr machen kann. Zur Figur Ragnar Loðbrók gibt es ganz verschiedene Erzählungen, die sich zum Teil widersprechen. Man fragt sich die ganze Zeit, was eigentlich die Beweggründe seines jeweiligen Handelns sind. Die Serie „Vikings“ bemüht sich, in dieser Hinsicht plausibler zu sein und eine Haupterzählung durchzuhalten.

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