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Neues von den Germanen (1) : Sie sind überall

Welche Entwicklungen bewerten Sie als wirklich problematisch? Gibt es solche auch in der Pop-Kultur oder ausschließlich in rechten Subkulturen? Wo muss, wie kann die Wissenschaft gegensteuern?

Das Gegensteuern ist insofern schwierig, als man es mit Tausenden Phänomenen auf einmal zu tun hat. Möglich ist aus meiner Sicht durchaus, zum reflektierten Umgang mit populären Stoffen zu ermuntern. Das geschieht auch schon viel in Forschung und Lehre, könnte aber noch weiterreichen. Keine Wissenschaft kann aber so resonanzreich sein wie eine Netflix-Serie oder ein auflagenstarker Fantasy-Roman, wenngleich sich auch diese reflektieren lassen. Aber weder ist jeder Bezug auf die Wikingerzeit reaktionär, noch gibt es eine per se unpolitische Adaption. Wie es sich genau verhält, kann nur die jeweilige Analyse zeigen. Gerade im Bereich der Musik, in Black oder Pagan Metal, die stark von nordischen Mythen beeinflusst sind, wird sehr schnell klar, wie eine nationalsozialistische Aufbereitung nordischer Mythen aussieht – vorausgesetzt, die relevanten Unterschied zu Asterix oder Neil Gaiman werden tatsächlich erkannt.

Es ist ja eigentlich sonderbar: Obwohl die Deutschen das Gefühl haben, dass ihnen das Germanische sehr nah ist, wissen sie, wie Umfragen zeigen, sehr wenig über die historischen Zusammenhänge, gerade die Völkerwanderungszeit ist ja ungemein kompliziert. Für viele gibt es eine Wissenslücke.

Ja, das Thema ist nach der Hochkonjunktur im Nationalsozialismus als anrüchig empfunden und zunehmend aus dem Blick gerückt worden. Gerade in seiner Breite ist es immer mehr aus den schulischen Lehrplänen verschwunden, auch in den Universitäten ist es eher in die Randbereiche gedrängt worden. Das ist angesichts der immens vielfältigen Wiederkehr dieser Inhalte ein großes Versäumnis. Denn Fragen, die in der Schule oder Universität nicht beantwortet werden, werden von der Populärwissenschaft oder eben dem Fantasy-Roman beantwortet. Möglicherweise sind die Schulen aber wieder auf dem richtigen Weg. In Niedersachsen zum Beispiel soll die Völkerwanderungszeit 2021 Abiturthema werden. Dies ist zum Beispiel eine große Chance, reflektiert mit populären Geschichtsmythen umzugehen.

Zur Person

Niels Penke studierte Germanistik, Skandinavistik und Philosophie in Göttingen. 2011 Promotion über "Ernst Jünger und der Norden". Seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen, dort auch Koordinator der Forschungsstelle Populäre Kulturen. Veröffentlichungen zu Rezeption und Transformation nordischer Mythen, zu völkischer Literatur, Fantasy und Populärkultur. Im Oktober 2018 erscheint das Buch Populäre Kulturen zur Einführung (mit Matthias Schaffrick) im Junius Verlag, Hamburg.

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