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Neues von den Germanen (1) : Sie sind überall

Darüber hinaus ist es auch so: Egal, ob man privat oder an der Uni, in der Germanistik oder der Skandinavistik, in Seminaren über Wikinger-Filme oder Fantasy-Literatur fragt – Tolkien ist für viele der Einstieg und der Anlass für eigene Forschungsfragen.

Wikinger-Fans feiern die Eroberung Catoiras im Mittelalter

Wie stark ist eines der einflussreichsten Epen unserer Zeit, „Harry Potter“, von germanischen Erzählelementen durchdrungen?

Vergleichsweise gering. Bei „Harry Potter“ sind Motive aus der Artus-Sage oder christliche Motive wie der Drachentöter, der Wiedergeborene, der Auserwählte stärker vertreten. Die nordischen Motive sind eher Versatzstücke – Fenrir Greyback zum Beispiel –, die sich aber nicht, wie bei Tolkien, in ein gemeinsames System fügen.

Wie steht es mit den Drachen, sind die germanisch?

Die sind unter anderem auch germanisch, diese Vorstellung gibt es aber auch nahezu überall. Im Siegfried-Stoff gibt es natürlich einen ganz bekannten Drachen, und auch Ragnar Loðbrók ist eigentlich ein Drachentöter, was die Serie aber interessanterweise ausspart, wohl weil das Fantasy-Element nicht im Vordergrund stehen sollte. Ragnars Name trägt dabei dem Umstand Rechnung - auch das ein Superhelden-Motiv -, dass er eine gehärtete Hose trägt, die dazu führt, dass der Drache ihn nicht verwunden kann.

Wie stark sind die Anklänge an nordische Stoffe in „Game of Thrones“?

„Game of Thrones“ ist stark beeinflusst von ihnen, deutlich stärker als „Harry Potter“, aber nicht so stark wie Tolkien. Sämtliche Nordwelten, die Weißen Wanderer, die Wildlinge, der Schutzwall, die Handlungen um Winterfell haben Vorbilder in der altnordischen Literatur. Bei den Weißen Wanderern kommt auch wieder die Vorstellung der Wiedergänger zum Tragen. Aber es gibt noch ganz viele andere, nicht-nordische Quellen bei George R. R. Martin, da stehen die römische Geschichte oder Shakespeare deutlicher im Zentrum.

Warum sind die nordisch-germanischen Stoffe so stark in neuen Filmen?

Bei Populärphänomenen ist die Anschlusskommunikation immer sehr wichtig. Solche Phänomene fußen ja meist auf den Prinzipien „Wiederholung“ und „Innovation“. Man nimmt Elemente, die die Zuschauer kennen, verändert das Gewohnte aber insoweit, dass es noch spannend bleibt. Wir haben jetzt viel von Filmen gesprochen. Motive aus dem nordeuropäischen Mittelalter spielen aber auch im Bereich von Mittelaltermärkten, beim Reenactment, bei Live-Rollenspielen in der freien Natur und sehr stark in der Musik eine große Rolle – es gibt ganze Genres wie Pagan und Viking Metal, die von hier schwerpunktmäßig ihre Inspiration beziehen. Nicht zu vergessen ist natürlich auch die Literatur, der historische Roman. Die entsprechenden Motive sind auch deshalb so wirksam, weil sie zwar sehr präsent, aber historisch unbestimmt sind, und nahezu beliebig kombiniert werden können. Das sieht man auch bei den Fantasy-Fan-Conventions, bei denen vieles wild durcheinander geht. Da treten Schauspieler von „Harry Potter“ und „Game of Thrones“ auf, lesen unter Zuschauern, die als Elfen oder Wikinger verkleidet sind, aus historischen Romanen, und nebenbei gibt es Schwertkampf und Bastelkurse - wobei die Grenzen von Fantasy und Geschichte verschwimmen. Für viele Menschen sind das bildstarke und lebensfüllende Angebote, meistens jenseits aller völkischen Dimensionen. Das sind Anker in einer als überkomplex empfundenen Welt, die Verstehbarkeit versprechen. Viele Fantasy-Welten sind ähnlich strukturiert wie die Vorstellungen vom Mittelalter: gut und böse, richtig und falsch sind deutlich markiert, jeder hat seinen Rang und weiß, was er zu tun hat. Die Vorstellung einer Welt, in der es leicht ist, sich zu orientieren und seinen Platz zu finden, zeichnet viele filmische wie literarische Fantasy- oder Mittelalterweltentwürfe aus. In den Filmen und Serien geht es sehr oft um schöne, spektakulär aussehende, aber einfache Landschaften, die einen Kontrapunkt darstellen zu der prosaischen urbanen Lebenswelt der meisten Zuschauer.

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