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Neues von den Germanen (1) : Sie sind überall

Ja, Schicksal und Determination gibt es in der antiken Literatur genauso. Es gibt eigentlich zwei Dinge, die originär sind. Das eine ist die Form der literarischen Texte, die interessanterweise kaum rezipiert oder imitiert wurde. Der Bereich der Skaldik, die altisländische Lyrik, ist wahnsinnig formenreich und komplex, die steht keiner Dichtung der Welt in irgendetwas nach. Das andere sind die Stoffe, die so genannten germanischen Heldensagen-Stoffe. Siegfried, der Nibelungenstoff, Wieland der Schmied, Dietrich von Bern gehören mehr dem Bereich der südgermanischen Stoffe an. Der nordgermanische Komplex ist vor allem in den Edda-Liedern enthalten. Dazu gehören die Götter-Lieder, Odin, Thor, Freya und entsprechende Heldenstoffe, die man anderswo nicht überliefert findet. Auch wenn klar ist, dass sie von römischer und griechischer Literatur mitgeprägt sind.

Universal einsetzbar: Thor (Chris Hemsworth) mit Captain America (Christ Evans) in der Marvel-Produktion „The Avengers: Age of Ultron“

Ist der Superhelden-Anteil besonders groß? Eigentlich gibt es den Superhelden ja schon im mesopotamischen Gilgamesch-Epos aus dem 4. Jahrtausend vor Christus.

Nicht sehr groß. Klar ist Siegfried eine Art Superheld mit charakteristischer Schwachstelle, mit Attributen wie dem Schwert und der Tarnkappe, er hat besondere Fähigkeiten, er kann zum Beispiel Vogelstimmen verstehen. Auch Ragnar, der in der Überlieferung ebenfalls Drachentöter ist, hat Züge eines Superhelden. Die meisten Heldenfiguren, die wir aus der altnordischen Literatur kennen, sind aber normale Menschen, die sich allenfalls durch besondere Stärke oder Klugheit auszeichnen, es fehlt ihnen aber jegliches überhebende Moment. Was Marvel mit dem „Thor“-Stoff macht, ist allerdings eine interessante Verschiebung. Da wird ein Gott im Grunde zum Superhelden degradiert. Er verliert seine Einmaligkeit und erhält eine Funktionsrolle, die immer wieder neu gefüllt werden kann. Eine knallharte Rationalisierung.

Sie haben sich auch mit der Figur des Wiedergängers beschäftigt; im Serienfernsehen ist ja seit einiger Zeit der Zombie sehr beliebt. Ist der Wiedergänger typisch germanisch?

Die Vorstellung von wiederkehrenden Toten ist eigentlich universal, die gibt es in Fernost genauso wie in der griechischen Antike, in Afrika und Südamerika. Vor allem in der altisländischen Sagaliteratur gibt es Wiedergänger, die rezipiert wurden. In Computerspielen – „Skyrim“ zum Beispiel ist ein sehr einschlägiger Titel – spielen die altnordischen Wiedergänger, die Draugr, eine große Rolle.

Wie wichtig war Tolkien? Welche Stoffe hat er aus der altnordischen Literatur übernommen, was hat er erfunden an Elementen, die man heute für germanisch halten könnte?

Tolkien ist in seiner Wirkung kaum zu überschätzen, vor allem für das gesamte Fantasy-Genre. Tolkien hat sich als Philologe hauptberuflich über Jahrzehnte hinweg mit mittelalterlicher Literatur beschäftigt, auch als Übersetzer. Und viele Versatzstücke aus diesen Texten klingen in seinen eigenen an. Wir schlagen den „Hobbit“ auf und stoßen als erstes auf Runen, aber dann auch auf Namen von Figuren und Orten, die wir von anderer Stelle her kennen. Zudem verfolgte Tolkien das Projekt, einen britischen Nationalmythos zu schaffen, entstanden aus dem Unbehagen, dass alle Welt originäre Stoffe besaß, nur Britannien nicht. Denn Beowulf spielt ja eigentlich in Dänemark und die Artus-Sage ist vor allem über Frankreich vermittelt worden und christlich überformt. Tolkiens Mittelerde lässt sich als eine solche fantastische Imagination der eigenen Vorgeschichte lesen.

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