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Neues von den Germanen (1) : Sie sind überall

Finden Sie die Serie in irgendeiner Weise problematisch in ihrem Germanen- oder Wikingerbild?

Die Serie bestätigt natürlich das Klischee, dass die Wikinger permanent im Kampfmodus waren. Das kann sie aber auch kaum anders machen, sonst käme sie, wenn sie historisch angemessen auch Handel oder Ackerbau gleichrangig mitbehandeln würde, irgendwo bei Adalbert Stifter heraus. Genres, die es mit Abenteuer und Kampf zu tun haben, fordern solch ein Vorgehen. Dass es anders gehen kann, sehen wir beim absoluten Gegenteil in „Walhalla Rising“ aus dem Jahr 2010, mit Mats Mikkelsen in der Hauptrolle. Der Film dauert zwei Stunden, davon sind gefühlte 118 Minuten ereignisloser Arthouse-Film in Nebellandschaften, kein Mensch spricht, demgegenüber zwei Minuten Kampf und Splatter. Solch ein Film funktioniert auf Arte oder im Programmkino, aber nicht Woche für Woche auf Netflix bei einem Millionenpublikum.

Neuadaption eines nordischen Stoffs durch Neil Gaiman: Ian McShane (links als Mr. Wednesday/Odin) und Ricky Whittle als Shadow Moon in einer Szene von „American Gods.“

Sind die Wikinger eigentlich noch Germanen – um mal zwei unscharfe Begriffe gegeneinander auszuspielen?

In den populären Zusammenhängen gehen sie Hand in Hand, mal sind es die nordischen Nachbarn, mal sind es die Verwandten. Da gibt es nahezu alle Abhängigkeitsverhältnisse. Wenn man sich auf die rein sprachwissenschaftliche Ebene begibt, muss man sagen: ja, sie sind germanisch. Daraus jedoch nationale Größen und Zusammenhänge abzuleiten, ist historisch nicht haltbar.

Wie schwer dies durchzuhalten ist, zeigt auch ein Blick auf populärwissenschaftliche Hefte wie Geo Epoche, die sich mit den Germanen und den Wikingern beschäftigen. Auf der einen Seite liefern sie recht zuverlässiges Textmaterial, das aber zum Teil durch Bilder, Überschriften und Slogans unterlaufen wird. Davon abgesehen: Wer von „den Wikingern“ spricht, setzt allein durch den Begriff schon eine permanente Kampftätigkeit voraus, denn er stammt von „Wiking“, was Raub-Handels-Eroberungsfahrt bedeutet. Wikinger ist im Grunde ein performativer Begriff. Der ganze Bereich des Bäuerlichen, der Fischerei, des Handels wird ausgeschlossen. Am Anfang von „Vikings“ sieht man zwar noch Fischfang und Schafzucht, aber dieser Aspekt tritt rapide zurück.

Ein Weißer Wanderer in der Erfolgsserie „Game of Thrones“

Was sind typisch germanische Erzählelemente? Die Überlieferung der mündlichen germanischen Stoffe setzt ja erst spät ein.

Hier liegt das Problem, das die nationalistischen Autoren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu bewältigen hatten, dass keine originären Textzeugnisse existieren und das germanische Heidentum fast ausschließlich aus christlicher Perspektive überliefert wurde. Die Edda und die Snorra-Edda zum Beispiel werden im 13. Jahrhundert aufgezeichnet, da ist Island seit über 200 Jahren christianisiert. Da ist das Heidentum nur noch in Schwundstufen vorhanden, die gesellschaftliche Matrix ist christlich. Die affirmative Germanomanie, wie man es nennen könnte, geriet dadurch in Schwierigkeiten, die christlichen Überarbeitungen wegarbeiten zu wollen, um das Ursprüngliche zu erfassen. Das ist zwangsläufig mit Wunschdenken und vielen Spekulationen verbunden.

Was wären originär germanische Erzählelemente? Die Schicksalsgläubigkeit, die für die Dramaturgie von „Vikings“ ungeheuer wichtig ist, gehört wohl nicht dazu.

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