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Schulbücher mit Botschaft : „Eine Diskussion über den Glauben findet nicht statt“

Schulunterricht in Afghanistan Bild: dapd

Der Journalist Constantin Schreiber hat in Schulbüchern aus islamisch geprägten Staaten viele politisch-religiöse Botschaften gefunden. Wie soll man im deutschen Unterricht darauf reagieren? Ein Gespräch.

          Herr Schreiber, Sie haben für Ihr Buch „Kinder des Koran“ (Econ Verlag, 2019) mehr als hundert Schulbücher aus acht islamisch geprägten Ländern der Jahrgangsstufen sechs bis zehn untersucht. Zu welchen Einsichten sind Sie gekommen?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Constantin Schreiber: Natürlich ist klar, dass sich die Schulbücher in diesen Ländern von unseren unterscheiden. Was mich aber doch überrascht hat, sind die konkreten Beispiele, die man dann vor sich sieht. Zum Beispiel das in allen Schulbüchern vertretene Frauenbild. Es werden hier explizite Verhaltensregeln für Frauen vorgegeben. Im iranischen Lehrbuch wird ihnen beispielsweise vorgeschrieben, wen sie je nach Verwandtschaftsgrad angucken dürfen. Und es wird ihnen die Schuld gegeben, wenn sie von Männern belästigt werden.

          Mit Blick auf die Gesetze in diesen Staaten ist das nicht überraschend. Wie wird es begründet?

          Begründet wird es beispielsweise damit, dass sich Frauen selbst zum Sexualobjekt machen, etwa dann, wenn sie entgegen dem göttlichen Willen kein Kopftuch tragen. Dabei gibt es gläubige Musliminnen, die kein Kopftuch tragen. Diese Tatsache wird in den Schulbüchern nicht erwähnt. Es heißt: Gott will, dass du ein Kopftuch trägst, und wenn du es nicht trägst, dann bist du ganz allein. Schüler, die in einem Alter sind, in dem sie noch keine eigenen Wertvorstellungen entwickelt haben, macht das natürlich Angst.

          Sind Ihnen eher Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Ländern aufgefallen?

          Allen Büchern sind Botschaften gemeinsam, die mit der reinen schulischen Bildung nach unserem Verständnis nichts zu tun haben. Am deutlichsten war das in Afghanistan. In dem afghanischen Religionslehrbuch, das ich gelesen habe, geht es nicht um ein ganzheitliches Verständnis von Religionen, sondern einzig um die Einweisung in die Regeln des Islams. Da ist von einem zornigen Gott die Rede, der Rechenschaft fordert und von den Schülern Demut und Gehorsam erwartet.

          Nun ist Religionsunterricht Glaubensunterweisung aus religiöser Perspektive.

          Das schon, aber es ist von einem Religionsunterricht nach unserem Verständnis zu erwarten, dass er die Verschiedenheit der Religionen vermittelt, ohne diese zu bewerten. Wenn es beispielsweise im afghanischen Schulbuch heißt, dass es Ungläubige verdienen, gequält zu werden, dann ist von Bildung und Unterricht nicht mehr zu sprechen. Eine Diskussion über Glaubensinhalte findet in den von mir gelesenen Büchern nicht statt. Die allgemeine Botschaft ist eine Unterteilung der Welt in Gut und Böse. Das ist allerdings von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägt. In der Türkei und Ägypten findet sich beispielsweise ein laizistisches Muster, das teilweise mit religiösem Vokabular untermauert ist. Wenn im ägyptischen Lehrbuch ein Krieg gegen Israel thematisiert wird, dann ist von einem heiligen Krieg die Rede. Die Religion wird hier für nationalistische Ziele missbraucht.

          Wer ist gut, und wer ist böse in diesem Schema?

          Die Welt wird in den Büchern in Muslime und Nicht-Muslime aufgeteilt. Am deutlichsten wird das in dem iranischen Schulbuch. Hier wird das Land als eine von imperialistischen Mächten bedrohte Enklave dargestellt. Weiterhin heißt es, der Westen versuche, Zwietracht unter den Muslimen zu säen. Dem folgt der Aufruf, dass sich die Muslime vereinigen müssten, da ein muslimisches Volk nicht zu besiegen sei.

          Welche positiven Funde haben Sie gemacht?

          Methodisch und didaktisch waren die iranischen Schulbücher auf einem hohen Niveau, teils waren allerdings die Inhalte fraglich. Vorbildlich fand ich, dass in Ägypten schon in der sechsten Jahrgangsstufe Philosophie unterrichtet wird, beispielsweise Aristoteles und Avicenna, und das auf hohem Niveau. Das war beeindruckend. Man findet hier eine kluge Reflexion von Sein und Leben unter Einschluss vieler Kulturen.

          Sie sind das Thema im Alleingang angegangen. Ihr Buch erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch. Konnten Sie auf wissenschaftliche Vorarbeit aufbauen?

          Ich habe mit Erziehungswissenschaftlern gesprochen und Experten um Rat gefragt. Es gibt einige Untersuchungen über Schulbücher in Israel und Palästina, auch Pakistan und Saudi-Arabien werden von der Forschung thematisiert. Insgesamt ist das Thema aber wenig erforscht. Einerseits sind die Sprachhürden hoch, zweitens ist es gar nicht so einfach, an die Schulbücher heranzukommen, da sie in keiner zentralen Datenbank erfasst sind. In Ägypten sind die Bücher Leihgaben des Staates, die man zurückgeben muss. Man kann sie nicht kaufen. Die Wissenschaftler, mit denen ich zusammengearbeitet habe, zeigten aber großes Interesse an dem Thema.

          Im Kontext von Migration und Flucht betreffen Ihre Ergebnisse auch deutsche Schulen. Worauf ist bei der Unterrichtung von Schülern aus den von Ihnen untersuchten Ländern zu achten?

          Ich bin kein Pädagogik-Experte. Aber wichtig erscheint mir, die Schüler auch auf emotionaler Ebene anzusprechen. Im Unterschied zu unseren Schulbüchern enthalten die Schulbücher der von mir untersuchten Länder viele rhetorische und emotionale Elemente. Deutsche Schulen müssen sich darauf einstellen, dass Schülern aus diesen Staaten das Sachlichkeitsideal und Abstraktionsniveau der deutschen Lehrbücher fremd sind. Hier muss man offenbar vermitteln. Ein wichtiges Thema ist die Sexualkunde, die in Deutschland ja normalerweise sehr nüchtern gelehrt wird. Man muss bedenken, dass Schüler aus muslimisch geprägten Ländern den Inhalt des Sexualkundeunterrichts teilweise ablehnen, wie mir Lehrer berichten. Hier ist zu überlegen, ob man religiöse Perspektiven in den Sexualkundeunterricht einbeziehen sollte, um sachlichen und emotionalen Zugang zu vermitteln; indem man zum Beispiel darstellt, was traditionelle muslimische Ansichten zu Sexualität sind und wie sich das zu Freiheiten in Deutschland verhält. Jedenfalls darf man nicht auf einem zu hohen Abstraktionsniveau ansetzen. Man muss erst Brücken zu einem Unterricht im Diskussionsstil bauen.

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