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Digitale Forschungsprojekte : Im Datenozean

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Daten werden erst durch ihre Verknüpfung interessant: Die Geisteswissenschaften werden durch Nutzung aller vorhandenen Quellen zu neuen Erkenntnissen kommen. Bild: UB Heidelberg / Staatsbibliothek zu Berlin

In der interdisziplinären Bündelung geisteswissenschaftlicher Datensammlungen liegt eine große Chance für die Wissenschaft. Eine nationale Forschungsdatensammlung soll nun bündeln.

          Wer aus Daten neue Erkenntnisse ziehen will, muss sie verknüpfen. Diese Einsicht hat sich nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Wissenschaft durchgesetzt. In den Geisteswissenschaften gehört das Zusammenführen verteilter Datenbestände zu den wichtigsten Aufgaben für die Zukunft. „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück“, schrieb Karl Kraus. Das gilt auch für Daten. Deren isolierte Betrachtung führt im Verständnis selten weiter. Die Analyse im Zusammenhang hingegen ermöglicht tiefere Einblicke in die Wirklichkeit. Karl Kraus gehörte zusammen mit Else Lasker-Schüler, Alfred Döblin, Franz Marc, Wassily Kandinsky und zahlreichen anderen bekannten Künstlern zum „Sturm-Kreis“ um den Berliner Publizisten und Kunstförderer Herwarth Walden. Zusammen mit Döblin gründete Walden im Jahr 1910 die Zeitschrift „Der Sturm“. Sie gehörte zu den wichtigsten avantgardistischen Zeitschriften zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

          Walden konstruierte ein regelrechtes Kunst-Unternehmen: Mit der Sturm-Zeitschrift, der Sturm-Galerie, dem Sturm-Verlag und der Sturm-Bühne schuf er in den Jahren um 1910 eine programmatische und ästhetische Plattform der Avantgarde. Dieses Kunstphänomen lässt sich momentan nur sehr mühsam erforschen. Zwar ist ein großer Teil der Materialien inzwischen in digitaler Form verfügbar. Die „Daten des Sturm“ liegen jedoch in unterschiedlicher Erschließungstiefe in weltweit verteilten Datenrepositorien. Von der Universität Princeton über die Universitätsbibliothek Heidelberg, dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München bis hin zur Staatsbibliothek zu Berlin finden sich digitale Zeugnisse und Forschungsdaten.

          Noch kann man sie nicht übergreifend analysieren. Man stelle sich vor, es wäre möglich, alle Textdokumente, alle audio-visuellen Materialien und alle sonstigen Quellen des Sturms nach bestimmten Kriterien systematisch zu durchleuchten. Daraus würde sich ein umfassenderes und wahrscheinlich sogar neues Bild der inneren Verfasstheit der deutschen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts ergeben. Genau solche föderierten Recherchemöglichkeiten auf den dezentralen Forschungsdaten des Sturms versucht ein neues digitales Editionsprojekt der Mainzer Akademie der Wissenschaften nun zu schaffen.

          Dreizehn Milliarden digitale Belege

          In der interdisziplinären Bündelung geisteswissenschaftlicher Datenrepositorien und der Entwicklung adäquater Forschungswerkzeuge und -dienste für verknüpfte Daten liegt eine große Chance für die geisteswissenschaftliche Forschung. Der Kanon datengetriebener Forschungsmethoden von der automatischen Erkennung mittelalterlicher Handschriften bis hin zur Stil- und Emotionsanalyse literarischer Texte durch Künstliche Intelligenzen wächst. Die zunehmende Digitalität in den Geisteswissenschaften macht dabei den Aufbau einer Data Literacy, also einer grundlegenden Datenkompetenz von Lernenden, Lehrenden und Forschenden, unerlässlich.

          Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz hat sich am 16. November 2018 darauf verständigt, vom Jahr 2020 an jährliche Mittel in Höhe von 90 Millionen Euro für den Aufbau einer nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) zur Verfügung zu stellen. Die NFDI zielt auf alle Disziplinen und ist ein zukunftsweisender Schritt. Technologien stehen dabei sogar eher im Hintergrund. Noch wichtiger ist der Aufbau von fachübergreifenden Datenkulturen, Datenstandards und datengetriebenen Forschungsmethoden. Bei der NFDI geht es vor allem um eine Investition in Köpfe und nicht in Hardware, wie der Rat für Informationsinfrastrukturen mehrfach bekräftigt hat. Forschungsdaten sollen demnach auch nach den vier Grundprinzipien von Auffindbarkeit, Zugänglichkeit, Interoperabilität und Nutzbarkeit ausgerichtet werden.

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