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Campus Frankfurt-Bockenheim : Ein symbolischer Perspektivwechsel

  • -Aktualisiert am

Im Wandel: Das Studierendenhaus auf dem Campus Bockenheim soll zum Haus der Kulturen werden Bild: Michael Kretzer

30 Initiativen wollen das Studierendenhaus auf dem Campus Bockenheim in Frankfurt betreiben und haben dafür ein Konzept erarbeitet. Entstehen soll ein „Offenes Haus der Kulturen“.

          Noch ist das Haus nicht vereint. In sechs Teilen tragen Demonstranten dessen Fassade als Pappschilder mit sich durch Bockenheim. Trommler sind als Einhörner verkleidet, eine Band spielt auf der Ladefläche eines Mietautos, etwa 130 Beteiligte tragen bunte, selbstgenähte Spruchbänder: So zieht das Studierendenhaus symbolisch mit einem Festzug für zwei Stunden durch die Nachbarschaft des alten Campus. An diesem Samstagabend sollen die Teile zusammengeführt werden.

          „Wir müssen anerkennen, dass wir verschieden sind. Aber wir haben gemeinsame Ideen, Ängste und Wünsche“, sagt Tim Schuster, um die Performance einzuleiten. Der 42 Jahre alte Theaterwissenschaftler redet gegen Rechtsradikalismus, Ausgrenzung und den Klimawandel, um dann auf den Campus Bockenheim zu sprechen zu kommen. „Das Studierendenhaus soll unser Common Ground werden“, sagt Schuster und wird vom Jubel unterbrochen, „wo wir die Welt ein kleines bisschen besser machen.“

          Im neuen alten Haus soll heute gefeiert werden. Grund dafür gibt es: Denn Schuster, im Vorstand des Vereins „Offenes Haus der Kulturen“, hat im vergangenen halben Jahr gemeinsam mit 30 Initiativen ein Nutzungskonzept für das Haus entwickelt. 48 Seiten zählt dieses Konzept, das der Verein als Magazin herausgibt.

          Neue Antworten auf die Frage des Zusammenlebens

          Vor der Demonstration laufen im Festsaal des Hauses noch Vorbereitungen: Schuster sitzt in abgeschnittenen Jeanshosen, mit blauen Socken und weißen Turnschuhen auf einem Podest. Kissen und das gedruckte Konzept liegen verteilt herum. Mit so vielen verschiedenen Akteuren zusammenzuarbeiten sei schwierig gewesen, „aber auch eine wahnsinnig bereichernde Erfahrung“, sagt Schuster, der selbst früher an der Goethe-Universität studiert hat und einen Doktortitel trägt: „Mehr Leute bedeutet mehr Reflexion und ein besseres Ergebnis.“ Mehrere Wochenenden und einige Workshops habe es gebraucht, das Konzept zu erarbeiten. Dank der vielen verschiedenen Teilnehmer habe es aber „einen Pool an Fähigkeiten“ gegeben. Dazu gehörten so unterschiedliche Initiativen wie zum Beispiel Radio „Good Morning Deutschland“, das Netzwerk Bockenheim mit Flüchtlingen, die Uni-Kita, das Filmkollektiv Frankfurt, das Deutsch-Arabische Kulturzentrum Daruna, ein Uni-Wohnheim, das Kino Pupille, die Frankfurter Musikschule sowie Künstlergruppen.

          „Es braucht neue, radikal andere Weisen des Denkens und Handelns sowie Antworten auf die Frage, wie wir zukünftig zusammenleben wollen“, heißt es im Konzept. Die Grundidee ist es, das Gebäude selbst zu verwalten und selbst zu sanieren. Der Verein wünscht sich daher die Anhandgabe des Gebäudes und die Pacht von der ABG oder der Stadt für einen symbolischen Euro im Jahr. Dafür wollen sich die Initiativen selbst um die Instandhaltung kümmern, Ideen, wie Mieten eingenommen werden könnten, gebe es auch.

          „Am intensivsten wurde über Finanzen und Raumfragen diskutiert“, sagt Schuster. Eine genaue Bestandsaufnahme des Gebäudes sei daher nötig gewesen, um den Sanierungsbedarf zu ermitteln. Voraussichtlich 8,6 Millionen Euro werde die für den Zeitraum von 2022 bis 2030 geplante Renovierung kosten. Dafür sollen Mittel aus vielen Töpfen genutzt werden: Die Stadt Frankfurt, europäische Förderprogramme, Bundes- und Landesförderungen und Spenden sollen das Projekt ermöglichen.

          Das Haus ist architektonisch auf Offenheit ausgerichtet

          „Wir wollen vor allem drei Ressourcen nutzen“, sagt Michael Grimm. Der 55 Jahre alte Berufsschullehrer ist ebenfalls im Vorstand des Vereins: „Die Geschichte des Hauses als Freiraum ist die erste.“ Max Horkheimer, berühmter Vertreter der Frankfurter Schule, hatte als Rektor das Gebäude eingeweiht. Die zweite sei das Gebäude selbst. „Das Haus ist mit den großen Räumen, Fenstern und breiten Fluren schon architektonisch auf Offenheit ausgerichtet“, sagt Grimm. Die dritte Ressource sei das zivilgesellschaftliche Engagement. „Hier können sich Leute einbringen und zusammenkommen“, sagt Grimm.

          Schuster klebt sich derweil einen Sticker aufs T-Shirt und geht zur Bockenheimer Warte, um die Demonstration vorzubereiten. Zwei Stunden später nähert sich der Zug mit Musik und Gesang wieder dem Studierendenhaus. Eine geschmückte Außentreppe führt in die erste Etage zum Festsaal. Das Fenster steht offen, als neue Tür. „Ein symbolischer Perspektivwechsel“, sagt Schuster. Hier soll weiter gefeiert werden. Die sechs Pappteile des Hauses lehnen schon an einer Hecke.

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