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Brecht und Hobbes : In den alten Büchern steht, was weise ist

  • -Aktualisiert am

Pythagoras präsentiert sein Theorem Bild: Picture-Alliance

Dialektische Übungssache: Wozu und aus welcher Quelle zitiert Brecht, was Hobbes über die Geltung des Innenwinkelsatzes des Dreiecks sagt?

          In seinem skandalumwitterten „Leviathan“ von 1651 hat Thomas Hobbes keinen Platz für dichterische Vorstellungen reserviert, aus seinem Staat sind sozusagen alle Literaten vertrieben. Und im Unterschied zu anderen gelehrten Autoren, wie etwa Montaigne, verzichtet er auch bewusst auf Zitate und Erläuterungen aus der antiken Welt. Seine Auseinandersetzung über das Wechselverhältnis von Schutz und Gehorsam ist eine nüchterne Reaktion auf den Bürgerkrieg, dessen verheerende Wirkung er durch die Machtposition des Souveräns begrenzen oder sogar ausschließen möchte. Er entwickelt eine seither die Leser beeindruckende Logik der Macht, mit der Folge, dass der Souverän Schutz denjenigen bietet, die auf jede Form des Widerstands Verzicht geleistet haben. Der Souverän ist dabei nicht selbst den staatlichen Gesetzen unterworfen, und keines dieser Gesetze kann als ungerecht gelten.

          Einen Autor wie Bertolt Brecht, der mit der Vision eines eingreifenden Denkens und der Vorstellung verknüpft wird, dass Menschen die Welt ändern sollen und können, würde man nicht ohne weiteres unter den produktiven Lesern des englischen Staatstheoretikers vermuten. Anders als im Falle Bacons, Berkeleys, Humes und Lockes findet sich in seiner Bibliothek zwar kein Band von Hobbes, aber die mit dessen Namen immer wieder traditionell verknüpften Vorstellungen vom Gesellschaftsvertrag, der notwendig sei, um den Naturzustand des bellum omnium contra omnes zu verhindern, sind auch bei Brecht greifbar. Im Umkreis seines Interesses an den Experimenten von Francis Bacon und der Leidensgeschichte von Galilei ist Brecht auch auf Hobbes gestoßen, den er zweimal zitiert.

          Dabei ist nicht nur die Differenz zwischen den Zitaten und dem Original sowie deren Herkunft aufschlussreich, sondern vor allem die Einsicht, dass es die mathematische Wahrheit ist, die auch für Brecht zum Maßstab der Ideologiekritik geworden ist. In der fünften Szene des „Galilei“-Stückes heißt es: „Die Winkelsumme im Dreieck kann nicht nach den Bedürfnissen der Kurie abgeändert werden.“ Die Große Brechtausgabe verweist dazu auf eine zweite Stelle aus der „Rede über die Widerstandskraft der Vernunft“, wo es unter Berufung auf Hobbes 1937 heißt: „Wenn der Satz, dass die Winkel eines Dreiecks zusammen gleich zwei rechten sind, den Interessen der Geschäftsleute widersprechen würde, so würden die Geschäftsleute sofort alle Lehrbücher der Geometrie verbrennen lassen.“ Die Kurie und der Kapitalismus sind demnach für Brecht diejenigen Mächte, welche die schlichte Wahrheit aufgeklärten Denkens nur zu gerne verdecken würden und damit dem von Hobbes im vierten Teil des „Leviathan“ beschworenen „Königreich der Finsternis“ zuzuordnen sind.

          Als Quelle führt die Brechtausgabe eine Stelle in den Auseinandersetzungen um die „Meditationen“ des mit Hobbes in Austausch stehenden Descartes an, die Brecht in einer (allerdings unaufgeschnitten gebliebenen) Ausgabe besessen hat. Dort heißt es: Die Wahrheit des Satzes über die Winkelsumme sei ewig, nicht jedoch „die Natur des Dreiecks, nämlich dann, wenn etwa alle Dreiecke zugrunde gingen“. Davon aber ist nichts bei Hobbes und nichts bei Brecht zu lesen.

          Hobbes attackiert seinerseits vielmehr die Scheinphilosophie des Aristoteles sowie der Scholastik, mit dem Vorwurf: „Und was die Geometrie betrifft, so hatte sie bis vor sehr kurzer Zeit überhaupt keinen Platz, da sie allein unerbittlicher Wahrheit dient.“ In diesem Sinne bietet Hobbes schon im elften Kapitel, das „Von der Verschiedenheit der Sitten“ handelt, die doch wohl unzweifelhafte Vorlage für Brechts Zitat: „Aber wenn es jemandes Recht auf Herrschaft oder den Interessen des Herrschenden widersprochen hätte, dass die drei Winkel eines Dreiecks zwei Winkeln eines Rechtecks gleich sind, wäre diese Lehre zweifellos wenn nicht bestritten, so doch durch die Verbrennung aller Geometriebücher unterdrückt worden, soweit der davon Betroffene es gekonnt hätte.“

          Erstaunlich an dieser Verschiebung der Zitate mag zunächst sein, wie Brecht die Zuversicht von Hobbes in die Zuverlässigkeit der geometrischen Gesetzmäßigkeit nutzt. Die Macht kann zwar die Verbreitung des Wissens behindern und die Bücher verbieten oder verbrennen, aber die mathematische Erkenntnis als Teil einer Aufklärung nicht unterdrücken. Und es ist nicht so oft der Fall und alles andere als selbstverständlich, dass Brecht quasi more geometrico denkt, sich somit an das Unveränderliche gebunden sieht – er, der nichts mehr hasste als die „Unzufriedenheit mit dem Unveränderlichen“: Mit dem Unveränderlichen der Geometrie hebelt er für diesmal gerade, als gewiefter Dialektiker, das Änderbare der Mächtigen in Kirche und Kapital aus. So wird der englische Staatstheoretiker, der in der Arbeit schon eine Ware erkannt hatte, zu einem Stichwortgeber der Ideologiekritik.

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