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Bologna-Reform : Zwanzig Jahre und ein bisschen müde

Die Reihen dicht geschlossen: die Regierungsvertreter der Bologna-Staaten stellen sich den Fotografen Bild: MESRI/XR Pictures

Nach zwei Reformjahrzehnten ist Bologna in eine Sinnkrise geraten. Auf der Ministerkonferenz in Paris sucht man nach den höheren Werten hinter der Reform.

          Als die Minister von Frankreich, Deutschland, Italien und England vor zwanzig Jahren an der Sorbonne die Gründung des europäischen Bildungsraums ausriefen, glaubten sie, ihr Werk in zehn Jahren vollenden zu können. Dann beteiligten sich immer mehr Länder am Reformprozess. Mit seinen 48 Mitgliedstaaten erstreckt sich Bologna heute weit über die EU hinaus. Und weil es eine Illusion ist, zu glauben, von Portugal bis Armenien herrschten annähernd gleiche Qualitätsmaßstäbe, liegt das Ziel eines einheitlichen Europäischen Bildungsraums immer noch in weiter Ferne. Zugleich hat sich die politische Lage verändert. In Budapest und St. Petersburg, wo Europäische Universitäten um ihre Existenz kämpfen, oder der Türkei, wo Wissenschaftler reihenweise im Gefängnis landen, wird die akademische Freiheit mit Füßen getreten.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Bologna-Konferenz in Paris, die Regierungsvertreter der 48 Staaten in der alten Pariser Börse versammelte, war daher nicht die erwartete Feierstunde zum zwanzigjährigen Jubiläum, sondern eine selbstkritische Revision und der Versuch eines neuen Aufbruchs. Das Kommuniqué von Paris trägt eine andere Handschrift als das noch stark auf den Arbeitsmarkt ausgerichtete Schlussdokument von Eriwan, dem Konferenzort von 2015. Zwei dicke Bände Begleitforschung, die in Paris vorgelegt wurden, dokumentieren das Bewusstsein, dass die marktwirtschaftliche, instrumentelle Interpretation von Bologna in eine Sackgasse geführt hat. Im neuen Kommuniqué rücken persönliche Reifung der Studenten und politische Fundierung des Bologna-Prozesses wieder (oder erstmals) ins Zentrum. Das ist eine deutliche Botschaft, dass man die Einbahnstraße, die Bildung unter das Diktat der Ökonomie zwang, wieder verlassen möchte.

          Paris 2018 warb für eine normative Wende, hin zu den „fundamentalen Werten“, die hinter Bologna stehen. „Bologna ist kein technisches Projekt“, sagte der griechische Bildungsminister Konstantinos Gavroglou. Seine französische Amtskollegin Frédérique Vidal forderte eine Rückbesinnung auf humanistische Werte, landete dann aber doch wieder bei Mobilität und lebenslangem Lernen. Das neue Wertebewusstein heißt nämlich nicht, dass man an den Strukturen etwas verändern will. Die neuen Ziele lauten Inklusion, Digitalisierung und studentenzentrierte Lehre. Daneben werden die Universitäten aufgerufen, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen und stärker in die Gesellschaft zu wirken. Was man sich unter all dem vorzustellen hat, blieb noch recht vage. Und so wünschenswert das alles ist: Die ökonomische Dominanz, die Bologna Studenten und Wissenschaftlern beschert hat, wird weder durch Inklusion noch durch Digitalisierung zu überwinden sein.

          Umsetzungsprobleme und Reformfassaden

          Wie steht es um die konkreten Ziele, die man sich vor zwanzig Jahren vorgelegt hat? In Deutschland ist der Bachelor als berufsqualifizierendes Kurzstudium weiter ein Problemfall und wird vom Staat nicht als Qualifikation für den höheren Dienst anerkannt. Die Studiendauer hat sich nicht verkürzt, sondern verlängert; nicht zuletzt, weil mehr als achtzig Prozent der Studenten zum Master drängen. Die studentische Mobilität ist leicht gesunken und weit von dem selbstgesteckten Ziel von fünfzig Prozent entfernt. Eine verhalten positive Entwicklung zeigt dagegen die Abbrecherquote. Auch die Anerkennung von Studienleistungen im Ausland ist im Aufwärtstrend, liegt mit etwa 75 Prozent aber noch unter den Erwartungen.

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