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Berater an Universitäten : Im Sog der falschen Erwartungen

  • -Aktualisiert am

Gibt es an den Universitäten nicht ausreichend interne Beratungskompetenz? Bild: dpa

Immer mehr Universitäten beschäftigen Berater. Doch eigentlich verfügen die Hochschulen selbst über genügend Sachverstand. Was veranlasst sie, externe Dienste zu beanspruchen?

          Beratung umschreibt ein Kompetenzprofil, das alt und neu zugleich ist. Alt insofern, als menschliches Handeln schon seit eh und je durch die Inanspruchnahme einer externen Perspektive differenziert wird. In der griechischen Antike verdienten Traumdeuter daran, dass ihrem Beruf prognostische Kraft zugeschrieben wurde – ein Schwarm Krähen erscheint im Traum des ratsuchenden Feldherrn als von links nach rechts fliegend, untrügliches Zeichen, mit dem Angriff auf das Nachbarvolk drei Tage zu warten. Neu insofern, als im institutionellen Format Beratungen als Kompetenzen in Anspruch genommen werden, die Innovationspotentiale freilegen oder umgekehrt Abweichungspotentiale kooperativer Arbeit diagnostizieren, wie sie für die moderne Gesellschaft an der Tagesordnung sind.

          Beratung beansprucht mithin ein Expertenwissen, das sich auf Perspektivenerweiterung spezialisiert hat und davon lebt, dass Menschen, auch Eliten, wahrnehmungsblind sind. Darin, in der Kunst, operative Fiktionen der Rationalität und Planbarkeit von Arbeitsvollzügen in Frage zu stellen und in dem Habitus eines gleichsam professionalisierten Staunens die Position des Dritten anzubieten und durch eine Rhetorik der Virtualisierung Vorhaben, Entscheidungsvorbereitung und Entscheidungsdurchführung mit größerer Elastizität zu versehen, liegt das Güteversprechen von Beratung. Universitäten greifen darauf zurück, spätestens seitdem das Ranking extern definierte Leistungsbeurteilungen vorgibt.

          Das mag zunächst überraschen, gilt doch die Universität als ein Kommunikationsort zugestandener professioneller Autonomie, und niemand käme prima vista auf den Gedanken, Akteure, die mit den für Wissenschaft grundlegenden Arbeitsinstrumenten, Theorie und Methodologie, ausgestattet sind, mit der Zumutung von Beratung zu konfrontieren. Die Hochkonjunktur von Beratung und Supervision ist nicht aus der Welt zu schaffen, sprechen doch einige Befunde zum Strukturwandel von Arbeitsbeziehungen dafür, dass in vielen Bereichen Not am Mann, zunehmend natürlich Not an der Frau ist.

          Beschwerdeinflation setzt Universitäten unter Druck

          Welche sind das? Hilfreich mag eine Unterscheidung Niklas Luhmanns sein. Bei der Universität handelt es sich um eine Institution und eine Organisation. Entscheidend ist dabei das „und“, die Gleichzeitigkeit. Sie impliziert von vornherein Konfliktivität, überall, wo kooperiert wird, nicht nur in Universitäten. In dem Maße, in dem professionelle Kompetenzen zunehmend in Organisationszusammenhänge eingebunden sind, wie im Ärztehaus oder der Entwicklungsabteilung in der Autoindustrie, erfährt der Anteil professioneller Autonomie, unter deren Hoheitsanspruch jemand vertragsmäßig zur Arbeit verpflichtet wird, eine Trübung. „Könnte ich doch nur, wie ich wollte, wie ich gelernt habe“, so lautet die lähmende Selbstreflexion, die die Sehnsucht nach Eigengestaltung über den bekundeten Willen zur Kooperation stellt.

          Kein Wunder, dass sich im Trend einer Kultur der Selbstgewissheit Beratungsangebote ausbreiten, und zwar in dem Maße, in dem die Bereitschaft der Menschen sinkt, sich über eine erworbene berufliche Kompetenz zu identifizieren und ein damit einhergehendes Würdegefühl zu artikulieren. Sinkende Bereitschaft bei zugleich ungebrochener Perfektionserwartung rückt die berufliche Welt in einen Raum ad hoc mobilisierter Leistungsbereitschaft ein, im Ergebnis entsteht ein Zwang zur Dauercharismatisierung des eigenen Vermögens, dem sich die Beratung gern andient.

          Ein weiterer Grund für die Zunahme an Beratung auch an der Universität liegt in der Zunahme einklagbarer Leistung. Die Beschwerdeinflation angesichts gestiegener Effizienzerwartungen, hoher journalistischer Resonanz von Effizienzkritik sowie erhöhten Erfolgschancen der rechtlichen Klage lässt Universitäten keine andere Wahl als das Mittel, im eigenen Binnenraum Qualitätskontrollen zu institutionalisieren.

          Beratung von innen heraus

          Niemals lässt sich für ein kooperatives Aggregat ein objektiver Beratungsbedarf bestimmen. Für die Universität als Institution gilt das allemal. Zu ihrem Auftrag gehört vorrangig die Erkenntnisbildung, den einzulösen die Mitglieder der Institution auf die eigenlogisch operierenden Mittel der Theorie und Methodologie zurückgreifen und dieses im Prinzip jenseits existierender Statusdifferenzen zwischen Professoren, Mitarbeitern oder Studenten. Forschungsaufträge einzulösen, die wissenschaftliche Neugier voranzutreiben, die Novizen in Theorie und Methode zu schulen, all dies erfolgt in einem eigenlogischen Prozedere und ist nach außen durch das Rechtsinstitut der Hochschulautonomie sozial geschützt.

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