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Wissenschaftliche Relevanz : Bedeutung ist keine Klickzahl

  • -Aktualisiert am

Masse bedeutet nicht Qualität, das gilt auch für das wissenschaftliche Publikationswesen Bild: Picture-Alliance

Die Relevanz wissenschaftlicher Publikationen wird immer stärker nach Klickzahlen gemessen. Das fördert Papierberge, aber keine originelle Forschung. Wie könnte man es besser machen?

          Die Forderung nach gesellschaftlicher Relevanz von Wissenschaft ist zu einem politischen Reflex geworden. Dabei hat das Bedürfnis, die Relevanz von Forschung genau zu beziffern, eine paradoxe Situation entstehen lassen: Es ist gerade die Bemessung der gesellschaftlichen Relevanz selbst, welche die tatsächliche Relevanz der Forschung einschränkt. Sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der angewandten Forschung lassen sich bei der Relevanzmessung folgenschwere Verwechslungen ausmachen. Wir behaupten, dass man allein durch die Vermeidung dieser Fehler die gesellschaftliche Relevanz von Forschung ungemein steigern könnte. Dafür ist ein Umdenken in der Forschungspolitik, genauer in der Evaluationspraxis, und bei der Förderung von Kreativität nötig.

          Irren und Aussortieren, also das Falsifikationsprinzip, sind wesentlich für den wissenschaftlichen Prozess, denn auch widerlegte Hypothesen und Annahmen steuern ihren Teil zum Wachstum des Wissens bei. Aktuell erleben wir jedoch eine Situation, in der die Wissenschaft ihre Wissensbasis aus reaktionären Motiven schützt, statt nach besseren Methoden zu suchen, um Qualität von Redundanz zu unterscheiden.

          Reaktionäre Journallisten

          Ein profanes Beispiel für die Verwechselung von relevant und reaktionär sind Journal-Listen, die Institute und Fachgesellschaften herausgeben, um abzustecken, was in ihrer Disziplin als bedeutsam erachtet wird. Veröffentlichungen in diesen Journalen sind per Definition ein Merkmal für Relevanz, ungeachtet des Inhalts. Dagegen sind Journale, die nicht in diesen Listen auftauchen, für die disziplinäre Karriere quasi irrelevant. Doch ist man als Wissenschaftler nicht auch dann exzellent, wenn man es schafft, einen Artikel in einem Top-Journal jenseits der eigenen Fachdisziplin zu veröffentlichen?

          Wenn man die aktive gesellschaftliche Aufgabe der Wissenschaft ernst nimmt, sind eng definierte Journal-Listen eine Fehlentwicklung der Relevanzfindung, da sie den dringend notwendigen interdisziplinären Austausch behindern. Zu Recht bezeichnet der Wirtschaftsnobelpreisträgers James Heckman diese Eingrenzung des intellektuellen Spielfeldes als Tyrannei. Die scheinbare Schicksalsgemeinschaft von Wissenschaft und Fachzeitschriften lässt sich auf den Wunsch zurückführen, Relevanz zu beziffern. Fast alle „relevanten“ Metriken zur Messung wissenschaftlicher Leistung beziehen sich auf die Autorenschaft von Artikeln oder deren Zitate. Die Folge ist eine rasante Überproduktion von Artikeln, deren Gesamtmenge sich in weniger als zehn Jahren verdoppelt. Ein beachtlicher Teil dieser Artikel wird nicht mal von den engsten Kollegen als sachdienlich empfunden.

          Begleiterscheinungen der inflationären Produktion von Manuskripten sind überforderte Gutachter und methodisch fehlerhafte Publikationen. Zwar gibt es längst neue digitale Formate für den Austausch von Wissen und Informationen. Dazu zählen Forschungsdaten, Infrastrukturleistungen und Software. Doch bei der Bemessung von Relevanz werden diese kaum berücksichtigt, obwohl sie zweifelsohne für die tägliche Praxis eines Wissenschaftlers unverzichtbar sind. Das Gros der Forscher zieht es weiter vor, „Milchseen“ von weitgehend überflüssigen Artikeln zu produzieren. Auf unorthodoxe Kollegen, die Beachtung jenseits des engen disziplinären Feldes suchen und schlimmstenfalls auch noch finden, wird sogar herabgeschaut.

          Monologe in Parzellen

          Die heutigen Methoden zur Bemessung von wissenschaftlicher Relevanz verhindern geradezu die Wahrnehmung und Entstehung bedeutsamer Forschung, indem sie die disziplinäre Grenzziehung fördern. An dieser Stelle verhält sich das Wissenschaftssystem reaktionär. Einzelne Felder grenzen sich in immer kleinere Parzellen ab, in denen Wissenschaftler ausschließlich mit Fachkollegen reden und sich nicht einmal wundern, wenn ihnen niemand zuhört.

          Anders stellt sich das Problem der Irrelevanz in der angewandten Forschung dar. Diese bezieht ihre Anerkennung nicht wie die Grundlagenforschung aus der Wissenschaft selbst, sondern aus der Gesellschaft. Relevantes Wissen in der angewandten Forschung kann nur durch den Abgleich mit gesellschaftlichen Bedürfnissen entstehen. Relevant ist angewandte Forschung, wenn sie dazu beiträgt, ein wie auch immer geartetes Problem zu lösen. In der gegenwärtigen Praxis wird Relevanz jedoch mit Popularität verwechselt.

          Relevanzmessung per Klickzahl

          Ein gutes Beispiel für diesen Trugschluss sind Altmetrics, also statistische Verfahren, die beziffern, wie häufig ein digitales Objekt, beispielsweise ein Artikel, in den sozialen Medien und anderen Online-Plattformen erwähnt und geteilt wird. Der Altmetric-Score wird von vielen als ein Maß für gesellschaftliche Relevanz betrachtet. Die Europäische Kommission unterhält sogar eine Expertengruppe. Es ist ein Irrglaube, dass auf diese Weise eine seriöse Aussage über gesellschaftliche Relevanz von Forschung getroffen werden kann. Wie überall in den sozialen Medien wird das eifrig getwittert, geteilt und kommentiert, was provoziert, und nicht das, was hilfreich, sinnvoll oder praktisch ist.

          Altmetrics sind auch ein gutes Beispiel für die datenbasierte Pseudo-Verwissenschaftlichung, die sich bei der Messung der gesellschaftlichen Relevanz derzeit bemerkbar macht. Dabei ist es offensichtlich, dass Wissenschaftler, die damit beschäftigt sind, die Anzahl ihrer Likes zu maximieren, nicht automatisch für mehr gesellschaftliche Relevanz sorgen. Altmetrics setzen die gängige Praxis der Zählung von Presseerwähnungen fort, die Universitätspräsidenten und Institutsdirektoren zwar freut, aber sonst wenig Aussagekraft hat.

          Ideen für eine kreative Forschung

          Um wirkliche Relevanz zu erreichen, bedarf es in der Grundlagenforschung einer strategischen Förderung unkonventioneller und interdisziplinärer Wissenschaft. Ein Anfang wäre die konsequente Förderung von Karrierewegen jenseits klassischer Fakultäten. Die Universität Potsdam demonstrierte jüngst mit der Ausschreibung von „Open Topic Professuren“, die bewusst interdisziplinär und themenoffen angelegt sind, wie man Kreativität strategisch fördern kann. Das müsste durch eine neue Methode der Relevanzmessung ergänzt werden, die neben Artikeln auch neue Formate der wissenschaftlichen Kommunikation einbezieht. Eine interessante Frage ist, ob sich neue Fachzeitschriften durchsetzen können, die wie das „Journal of Statistical Software“ oder das „International Journal for Re-Views in Empirical Economics“ Publikationsmöglichkeiten für Software und die Überprüfung publizierter Ergebnisse bieten.

          In der angewandten Forschung bedarf es eines neuen Verständnisses von Qualität im Wissenstransfer. Statt noch mehr unsinnige Indikatoren wie die Anzahl von Pressemitteilungen oder Twitter-Followern zu produzieren, müssen gerade beim Transfer die Grenzen der Messbarkeit diskutiert werden. Hier bewahrheitet sich die bibliometrische Binsenweisheit, dass nicht alles, was zählt, auch zählbar ist, und umgekehrt nicht alles, was zählbar ist, auch etwas zählt. Wenn man Qualität ernst nimmt, müssen wissenschaftliche und praktische Fachleute in die Beurteilung angewandter Forschung einbezogen werden. Forschungsorganisationen und der Wissenschaftsrat könnten das strategisch steuern.

          Entscheidend wird ein Umdenken in der wissenschaftlichen Ausbildung sein. Das kann aber nicht forschungspolitisch verordnet werden, sondern muss aus der Wissenschaft selbst kommen. Während fast jeder Student einen Kurs zum wissenschaftlichen Publizieren besuchen muss, sind Kurse über Wissenstransfer selbst in Doktorandenprogrammen die Ausnahme. Die wissenschaftliche Arbeit, so wird dem Nachwuchs eingeimpft, endet mit der Fachpublikation, der umgehend die nächste folgt. Erst wenn wir den Nachwuchs darin schulen, Daten und Software zu teilen, riskante Projekte anzugehen und interdisziplinär zusammenzuarbeiten, kann die Wissenschaft zu wirklicher Relevanz zurückfinden.

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