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Barbara Stollberg-Rilinger : „Die Gesellschaft profitiert von unserer Autonomie“

Fasziniert vom Fremden: Barbara Stollberg-Rilinger Bild: Andreas Pein

Die Frühneuzeithistorikerin Barbara Stollberg-Rilinger ist die neue Rektorin des Wissenschaftskollegs. Im Interview spricht sie über Fluchtorte des Denkens und die Politisierung der Geschichtswissenschaft.

          Frau Stollberg-Rilinger, Sie sind von September an Rektorin des Wissenschaftskollegs. Das Kolleg ist ein klassisches außeruniversitäres Institute for Advanced Study, das sich selbst verwaltet und in Fellow- und Themenauswahl völlig unabhängig ist. Von den Fellows wird es immer wieder als Refugium beschrieben. Ist es der perfekte Fluchtort vor der Universität?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Beziehung zur Universität ist eine komplementäre. Der Wissenschaftsbetrieb wird immer hektischer und steht zunehmend unter dem Druck der Drittmittel-Projekte und Exzellenzinitiativen. Da braucht man Räume, in denen man zur Besinnung kommt. Nun werden die Institutes for Advanced Studies auch innerhalb Deutschlands ja immer mehr, so dass man meinen könnte, das Wissenschaftskolleg habe sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Das hat es aber nicht, denn erstens ist es viel größer als alle diese Institute; zweitens völlig unabhängig; und drittens so eine Art – ja, man könnte es fast Schullandheim für Hochbegabte nennen, dann wäre ich eine Art Heimmutter (lacht).

          Was hat die Rektorin einer Institution, die ihren Fellows maximale Freiheit gibt, damit sie in Ruhe denken und schreiben können, eigentlich zu tun?

          Ja, das ist die große Frage (lacht). Das Besondere am Wissenschaftskolleg ist das College-Prinzip. Man lebt wirklich ein Jahr mehr oder minder zusammen. Zumindest isst man zusammen zu Mittag oder Abend, was für mich den Kern der Sache ausmacht, weil dort der eigentliche Austausch stattfindet. Da muss jemand symbolisch die Einheit repräsentieren. Eine zentrale instrumentelle Funktion besteht – gemeinsam mit dem Beirat – in der Fellow-Auswahl. Das ist eine große Herausforderung, weil es darum geht, verschiedene Parameter zu kombinieren. Also: Idealerweise sollte Geschlechtersymmetrie realisiert werden, der Fellowkreis sollte verjüngt werden, verschiedene Weltgegenden und Fächer sollten in Balance sein.

          Das Wissenschaftskolleg ist sehr international. Ist sich die Wissenschaft inzwischen weltweit sehr ähnlich, oder gibt es weiter große kulturelle Unterschiede?

          Der größere Unterschied besteht meines Erachtens zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften. Insgesamt sind Wissenschaftler, egal, ob sie aus Europa oder Afrika kommen, alle einem gemeinsamen Habitus verpflichtet. Es kann natürlich sein, dass dieser Eindruck sich aus unseren Auswahlmechanismen ergibt und wir möglicherweise ganz andere Wissenskulturen hier gar nicht erst in den Blick bekommen. Es kommt aber für uns nicht in Frage, im Sinne eines radikalen Post-Kolonialismus vom „westlich“ geprägten Wissenschaftsverständnis abzusehen. Von bestimmten akademischen Prinzipien können wir selbstverständlich nicht abrücken. Das bedeutet aber – und das ist ein Problem –, dass Leute aus Ländern wie den Vereinigten Staaten erhebliche Standortvorteile haben und sich auch in viel größerer Zahl selbst bewerben. Deshalb ist es uns ein Anliegen, gezielt nach qualifizierten Wissenschaftlern aus bisher unterrepräsentierten Regionen zu suchen.

          Ihr letztes Buch, eine Biographie über Kaiserin Maria Theresia, war ein großer Erfolg. Worüber wollen Sie als Nächstes schreiben?

          Ich würde gern ein Buch über ein einzelnes Ereignis schreiben, das sich aus vielen unterschiedlichen Perspektiven beleuchten lässt. Ein Beispiel wäre die Zerstörung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg, die sich an einem einzigen Tag abgespielt hat. Es gibt dazu außerordentlich viele Quellen; das Ereignis hat schon damals ein unerhörtes Medienecho ausgelöst. Deshalb ist es allerdings auch schon sehr gut erforscht. Ich bin also noch nicht fündig geworden. Ich finde solche Ereignisse interessant, die es ermöglichen, unterschiedliche Quellen ausführlich sprechen zu lassen. Mein zentrales Anliegen ist, die Fremdartigkeit der Epoche, mit der ich mich befasse, zu vermitteln. Dazu muss man die Quellen selbst zur Sprache bringen. Mein Ideal ist, am signifikanten Einzelfall analytische Erkenntnisse anschaulich zu präsentieren.

          Der nächste Historikertag im September in Münster hat das Thema „Gespaltene Gesellschaften“. Diese Spaltungen betreffen auch die Geschichtswissenschaft selbst, die in vielen Ländern unter Druck steht. In Ungarn, Polen, Russland und der Türkei werden die Wissenschaften politisch für die nationale Mythenbildung instrumentalisiert oder unterdrückt. In Indien ist ein hindunationalistisches Denken im Aufwind, wissenschaftliche Standards werden massiv diskreditiert. Muss sich das Fach intellektuell positionieren?

          Gerade hier im Wissenschaftskolleg ist das ein brennendes Problem, weil wir in den osteuropäischen Staaten mehrere Partnerinstitute haben. Das Budapester Institut wird gerade aus Ungarn vertrieben; das Institut in St. Petersburg konnte gar nicht erst über eine Vorstufe hinaus entwickelt werden. Das Bukarester Institut ist bisher noch unangefochten, aber niemand weiß, wie sich die Situation dort entwickeln wird. Das Engagement für diese Institute ist ein allgemein zivilgesellschaftliches Anliegen. Die ganze Gesellschaft profitiert von der Autonomie der Wissenschaft. Die eigentliche Arbeit der Historiker ist meiner Ansicht nach von solchem bürgerrechtlichen Engagement zu unterscheiden. Indem man Geschichte nach historisch-kritischen Standards schreibt, leistet man ja schon Aufklärungsarbeit.

          Durch die Korrektur politischer Mythenbildung?

          Ja. Ich bin mir bewusst, dass die Geschichtswissenschaft, um öffentlich wahrgenommen zu werden, immer in Versuchung ist, große Erzählungen zu befördern. Ein Wiener Kollege, Wolfgang Schmale, hat von der Geschichtswissenschaft beispielsweise einmal verlangt, etwas gegen das europäische „Mythendefizit“ zu tun. Bei aller Sympathie für die Europäische Union halte ich es nicht für die Aufgabe der Historiker, Mythenbildung zu befördern, und sei sie noch so gut gemeint.

          Sie setzen in Ihrer Forschung stark auf differenzierungstheoretische Ansätze, beobachten die Herausbildung autonomer Teilsysteme ohne zentrale Steuerung, beispielsweise der modernen Bürokratie. Heute erleben wir den Machtantritt von Autokraten und Vereinfachern. Ist der Prozess funktionaler Differenzierung rückläufig, oder setzt er sich trotz mancher Auflösungserscheinung fort?

          Dieses Thema haben wir an meiner Herkunftsuniversität Münster im Exzellenzcluster Religion und Politik endlos diskutiert. Ich muss sagen: Ich weiß es nicht. Im Moment sieht es zwar ganz danach aus, als ob die Systemgrenzen beispielsweise zwischen Wissenschaft und Politik schwer beschädigt würden. Die populistischen Tendenzen laufen ja offensichtlich auf Entdifferenzierung hinaus. Andererseits könnte es auch sein, dass hoch ausdifferenzierte Gesellschaften eine gewisse Resilienz ausgebildet haben, die nicht ohne weiteres rückgängig gemacht werden kann. Das ist allerdings eine eher optimistische Annahme.

          Wie ist es mit der Türkei, in der Präsident Erdogan alle Macht an sich reißt? Oder mit China, das von einem starken Machtzentrum aus regiert wird und in langen Etappen plant, die westliche Staaten staunen machen?

          In der Türkei sieht man im Moment ja gerade, dass die Politik gegenüber der Eigenlogik der Wirtschaft ziemlich machtlos ist. Die Wissenschaft ist da natürlich viel verletzlicher (siehe nebenstehenden Artikel). Als Historikerin würde ich es jedenfalls nie wagen, langfristige Prognosen abzugeben. Historisch haben sich kühne Planungen wie die der chinesischen Staatsführung ja bisher stets als Rationalitätsphantasmen erwiesen.

          Werden im Zuge der kulturalistischen Wende die sozial-, wirtschafts- und wissenschaftshistorischen Themen in der Geschichtswissenschaft vernachlässigt? Wird zu viel der Kultur zugerechnet?

          Ich verstehe Kulturgeschichte nicht als einen bestimmten Gegenstandsbereich, sondern als eine spezifische Hinsicht auf alle Gegenstände. Ich würde sagen, dass man die Erkenntnisse und Prinzipien der Sozialgeschichte dabei immer mitdenken muss, genauso wie man hinter die Erkenntnisse der Geschlechtergeschichte nicht zurückgehen kann. Das schließt eine kulturalistische Betrachtungsweise keineswegs aus. Auch die Transkulturalitäts- und Globalisierungsforschung führen ja wieder zur Sozialgeschichte zurück. Problematisch finde ich, dass die kulturalistische Wende in mancher Hinsicht zu einer gewissen Beliebigkeit der Themenwahl geführt hat. Gelegentlich kann sich unter dem Etikett Kulturgeschichte auch eine ziemlich altbackene positivistische Detailverliebtheit verbergen, die ohne jede analytische Frage auskommt.

          Würden Sie sagen, dass wir heute in einer neuen Sattelzeit leben, vergleichbar mit der Zeit zwischen 1780 und 1830, als sich das politische Denken und die Zeiterfahrung tiefgreifend verändert haben?

          Ja. Wir erleben heute durch die Digitalisierung eine Medienrevolution, die man dem Strukturwandel der Öffentlichkeit des achtzehnten Jahrhunderts oder vielleicht mehr noch der typographischen Revolution des sechzehnten Jahrhunderts zur Seite stellen kann, was die strukturellen Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen Felder angeht. Man kann das, um nur ein beliebiges Symptom zu nennen, an der Twitter-Praxis des amerikanischen Präsidenten ablesen, die, wie DFG-Präsident Peter Strohschneider es kürzlich beschrieben hat, eine strukturelle Homologie zur populistischen Politik aufweist. Dieser neue Modus politischer Kommunikation suggeriert einen unmittelbaren Zugang aller zum Präsidenten; die virtuelle Gemeinschaft der Follower kann sich als wahre Nation empfinden. Umgekehrt hat der liberale Rechtsstaat eine bestimmte historisch gewachsene Textkultur zur Voraussetzung, die beispielsweise die Unterscheidung von argumentierender Deliberation und Entscheidung ermöglicht hat. An die Stelle des argumentativen Diskurses tritt nun ein vermeintlich unmittelbares Zustimmen in einer virtuellen Volksgemeinschaft. Ein bestimmter digitaler Kommunikationsstil und ein populistischer Politikstil befeuern einander gegenseitig.

          Das Gespräch führten Diba Shokri und Thomas Thiel.

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