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Banksy und die Bildtheorie : Sie wollen uns erzählen

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In einem Interview berichtete Francis Alÿs, dass er versuche, Werke zu schaffen, deren Skript nur wenige Sätze umfasse: „Man braucht dann keine Bilder, Videos oder Zeichnungen vom Geschehen, um sich mehr oder weniger vorstellen zu können, wie es gelaufen ist. Eine solche Methode lässt das Werk frei zirkulieren, und ist somit auch in der digitalen Ära effektiver als jedes Bild.“ Während der Modernismus versuchte, das Medium von der Erzählung zu befreien, wird also für Alÿs die Erzählung zum Mittel der Befreiung vom Medium.

Was den Modernismus an der Erzählung stört, ist genau das, was Alÿs an ihr schätzt: Sie existiert auch in der Sprache. Gerade das macht sie beweglich und langlebig. Damit eine Geschichte aber auch wirklich erzählt wird, muss es um etwas gehen. „Wenn du ein Zuschauer bist, wartest du in Wirklichkeit darauf, dass der Unfall passiert“: Das klingt wie ein erzähltheoretisches Prinzip, ist aber der aphoristische Titel eines Videos von 1997, an dessen Ende Francis Alÿs in einen Unfall verwickelt wird. Tatsächlich lesen sich die Beschreibungen der Performances und Videos von Alÿs oft wie Unfallanleitungen: „Künstler rennt mit einer Videokamera in einen Tornado“ („Tornado“, 2000 bis 2010), oder: „Künstler nähert sich nur mit Kamera bewaffnet einem von Hunden bewachten Haus in mexikanischer Kleinstadt“ („El Gringo“, 2003).

Auch viele Werke von Joseph Beuys sind in ähnlicher Weise erzählenswert. So entspricht die Performance „I like America and America likes me“, für die Beuys sich 1974 drei Tage lang mit einem wilden Kojoten einsperren ließ, dem Rezept von Alÿs. Noch beängstigender dürfte das Warten auf den Unfall gewesen sein, als Igor Sacharow Ross 1975 bei einer Performance in der Sowjetunion verkündete: „I want to go to America.“ Drei Jahre später wurde er für diese und ähnliche Aktionen ausgewiesen. Heute lebt er in Köln.

Von der Materie unabhängig

Valie Exports „Genitalpanik“ und „Tapp- und Tast-Kino“ haben verschwindend wenige Leute wirklich erlebt. Da die Werke aber so erzählenswert sind, transportieren sie bis heute die Botschaft weiblicher Selbstermächtigung. Was zählt, ist, dass es jemand getan hat. Es sehen zu wollen ist purer Fetischismus. Das gilt auch für viele Werke der Helden des Modernismus, zum Beispiel das „Schwarze Quadrat“ von Kasimir Malewitsch. Es entfaltet seine Wirkung in der Erzählung am besten, denn in ihr sind seine Farben nicht verblasst, und es hat keinen einzigen Riss. Alle erzählbare Kunst ist wie „Fountain“ vor Zerstörung gefeit.

An Informationen, die in Geschichten verpackt werden, erinnern wir uns, das ist empirisch verlässlich belegt, besonders gut, sie sind glaubwürdiger, und das Erzählen regt auch zum Weitererzählen an. So verbreitet sich Erzählenswertes gewissermaßen von selbst. Heute nennt man die entsprechenden Stücke viral.

Die Werke der antiken Meister Zeuxis und Parhassios sind verschwunden. Dass beide trotzdem als geniale Maler in die Kunstgeschichte eingingen, liegt an Plinius dem Älteren. Er erzählt von Tauben, die nach gemalten Trauben picken, und davon, wie der Künstlerwettstreit zwischen den beiden Malern sich entschied, als Zeuxis einen Schleier zur Seite schieben wollte, den Parhassios gemalt hatte. Befreit vom Gewicht des Mediums, hat die Erzählung des Plinius das künstlerische Ideal der Nachahmung besser transportiert als die Malerei selbst. Man kann nur darüber spekulieren, wie die niederländische Stilllebenmalerei aussähe, stünde nicht die Geschichte zweier Augentäuschungen am Beginn der Kunsttheorie. Von der Materie unabhängig, kann die Erzählung also nicht nur das Werk überdauern, sondern über Jahrtausende die Produktion neuer Stücke anregen.

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