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Alexandria Ocasio-Cortez : Darf man Flüchtlingscamps mit Konzentrationslagern vergleichen?

  • -Aktualisiert am

Alexandria Ocasio-Cortez schildert vor der Presse ihre Eindrücke aus den Flüchtlingslagern Bild: AP

Alexandria Ocasio-Cortez nennt die amerikanischen Flüchtlingscamps Konzentrationslager. Die Empörung ist groß. Doch Wissenschaftler verteidigen den Vergleich.

          Sozialwissenschaftler bezeichnen den Vergleich gerne als Königsweg der Erkenntnis. Wenn ein soziales Phänomen im Lichte eines anderen betrachtet wird, fallen seine besonderen Merkmale auf. Dabei dürfe man nicht „Äpfel mit Birnen“ vergleichen, lautet die Einschränkung. Vergleichen wird umgangssprachlich gerne auf „Gleichsetzen“ reduziert. Das lädt zum politischen Missbrauch ein.

          Der New Yorker Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez wird beides vorgeworfen, seit sie Internierungsorte von Flüchtlingen an der Grenze zu Mexiko als „Konzentrationslager“ bezeichnet hat. Nicht nur ihre republikanische Kollegin Liz Cheney beschwerte sich über die vermeintliche Anspielung auf den Holocaust, auch das United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. verfasste eine scharfe Erklärung gegen die Verwendung des Terminus.

          Hatte AOC, wie die demokratische Sozialistin aus der Bronx kurz gerufen wird, also „verglichen“ und falsche Analogien gezogen? Namhafte Historiker aus den Vereinigten Staaten und Europa sind ihr jetzt in einem offenen Brief in der „New York Review of Books“ beigesprungen, darunter Timothy Snyder (Yale) und Norman Naimark (Stanford), die totalitäre Diktaturen samt ihren jeweiligen Lagersystemen vergleichend untersucht haben. Sie räumen ein, dass Holocaust-Vergleiche oft fehlschlagen, was Überlebende der Schoa, die das Washingtoner Museum besonders schützen will, fast genauso treffe wie die Verharmlosung und Leugnung des Mordes an den europäischen Juden. Doch Vergleiche und Analogien apodiktisch auszuschließen, sei schlicht ahistorisch. Und zu den vornehmlichen Aufgaben der Holocaust-Erinnerung gehöre, aktuelle Gefährdungen der Menschen- und Bürgerrechte quer durch Zeiten und Räume zu erkennen, um sie bekämpfen zu können.

          Inhumane Bedingungen in den Lagern

          Nun hatte Alexandria Ocasio-Cortez den Begriff Holocaust (oder den Ortsnamen Auschwitz) bewusst vermieden. Ihr skandalisierter Twitter-Eintrag lautet: „Diese Administration hat Konzentrationslager an der Südgrenze der Vereinigten Staaten für Immigranten eingerichtet, in denen sie unter inhumanen Bedingungen Gewalt ausgesetzt sind und sterben. Das ist keine Übertreibung, sondern die Schlussfolgerung von Expertisen.“

          In der Tat dokumentieren investigative Reportagen und Inspektionsreisen von Abgeordneten in „detention camps“ unerträgliche Bedingungen und leicht vermeidbare Todesfälle, darunter von kleinen Kindern. Sie sind Ausdruck einer vom Weißen Haus betriebenen Abschreckungspolitik, die mit massiven Verstößen gegen internationale Konventionen zum Schutz von Flüchtlingen und Asylbewerbern einhergeht. Je überfüllter die Internierungslager sind, desto unerträglicher werden die Bedingungen und desto härter werden die Praktiken des Wachpersonals. Als besonders beschämend empfindet die große Mehrheit der Amerikaner die Trennung von über zehntausend Minderjährigen von ihren Eltern.

          Da ist es fatal, wenn derzeit erwogen wird, für die Internierung von 1400 Flüchtlingskindern das berüchtigte Fort Sill wiederzueröffnen, in dem Mitte des neunzehnten Jahrhunderts „Native Americans“ (darunter der Apachen-Rebell Geronimo) und im Zweiten Weltkrieg Amerikaner japanischer Abstammung interniert waren. Andrea Pitzer, die 2017 die Studie „One Long Night: A Global History of Concentration Camps“ vorlegte, erinnerte in Übereinstimmung mit der zeithistorischen Forschung daran, dass unter dem Namen Konzentrationslager seit dem neunzehnten Jahrhundert auf der ganzen Welt Kriegsgefangene, politische Häftlinge, Flüchtlinge und Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten durch (para-)militärisches Personal hinter Stacheldrahtzäunen festgehalten wurden.

          Das Lager als Herrschaftsform

          „Concentration camps“ hießen Internierungsorte der englischen Kolonialmacht im Burenkrieg. In den Vereinigten Staaten reicht die Geschichte dieser Überwachungs- und Strafpraxis von der Internierung von Sklaven und Indigenen über Lager in den Kolonien auf Kuba und den Philippinen bis zum bis heute bestehenden Guantánamo. Auf die historischen Traditionen verwiesen die Nationalsozialisten zynisch, wenn sie für ihr Lagersystem kritisiert wurden, das im „Dritten Reich“ je länger, je mehr auf summarische Vernichtung ausgerichtet war.

          Hannah Arendt hat 1955 das Lager als gemeinsames Merkmal totalitärer Herrschaft herausgearbeitet. Auch in den Vorstößen eines Raphael Lemkin zur Ächtung von Völkermord war der GULag als Ort eines sozial motivierten Genozids ausdrücklich einbezogen. Davon ist die „Trumpokratie“ weit entfernt. Doch beunruhigend ist, dass das Wachstum der „detention camps“, in denen derzeit mehrere zehntausend Flüchtlinge einsitzen, mit einer Binnenradikalisierung einhergeht. Selbst schärfste Verfechter der Abschreckung in den Homeland-Security-Behörden wurden von Präsident Trump gefeuert, als sie menschenrechtliche Bedenken zu äußern gewagt hatten. Je weniger sich ein Versprechen ethnischer Homogenität einhalten lässt, desto logischer erscheint ein Lagersystem und desto aggressiver werden seine Verfechter. Auch das ist eine Lehre aus der Geschichte.

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