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Philosoph R. M. Hare : An Prinzipien ist kein Mangel

Es fehlt nur die Zeit, ihre Konsequenzen durchzurechnen: Der vor hundert Jahren geborene englische Philosoph R. M. Hare verstand Moral als Regelung von Einzelfällen. Das blieb nicht ohne Folgen. Bild: dpa

Es fehlt nur die Zeit, ihre Konsequenzen durchzurechnen: Der vor hundert Jahren geborene englische Philosoph R. M. Hare verstand Moral als Regelung von Einzelfällen. Das blieb nicht ohne Folgen.

          Dass moralisches Denken vor allem mit Denken zu tun hat, wenn es sich nicht in Moralismus oder frivoler Amoral gefallen will, ist die Grundbotschaft des englischen Philosophen Richard Mervyn Hare (1919 bis 2002). Dabei gehörte er nicht zu jener Sorte Moralphilosophen, die mit dem Vorwurf einer unterkomplexen Gedankenführung gegen moralische Intuitionen polemisieren, gegen ein pazifistisch gefasstes Gewaltverbot etwa. Erst wenn ihm eine prinzipielle Entschlossenheit begegnete, mit dem Bauch zu denken, obwohl jemand nähere Kenntnis von Einzelheiten und Muße zur Bewertung des Falls haben könnte, erst dann wurde er unruhig.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Hare hatte – davon unberührt – eine regelrechte Schwäche für unterkomplexe Prinzipienfestigkeit „in Stress-Situationen“, und es ist insoweit völlig verfehlt, ihn als nützlichen Idioten eines Nützlichkeitsdenkens anzugreifen, nur weil er nicht nur Kant, sondern auch den Utilitaristen für die Begründung moralischen Verhaltens etwas abgewinnen konnte. Den Prinzipienreiter, der sich zu bestimmten Handlungen aus moralischen Erwägungen außerstande sieht, nimmt er gegen den Pauschalverdacht, Fanatiker zu sein, in Schutz. Hare erhebt sich nicht über die Kinderstube, in der jemand moralisch sozialisiert wurde und der er unter Umständen verhaftet bleibt, wie er in seinem grundlegenden Buch „Moralisches Denken“ 1981 klarstellt: „Es ist nicht fanatisch, in einer bestimmten Situation großen Druckes und relativen Unwissens vor Angst, dabei einen Fehler zu begehen, die Finger vom kritischen Denken zu lassen. Noch ist es fanatisch, obzwar bedauerlich, wenn die, denen es allgemein an Vertrauen in ihre kritischen Denkfähigkeiten mangelt, ganz darauf verzichten, nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Angst, es nicht hinzukriegen.“

          Hare, der von 1966 bis 1983 die Stelle eines White Professor of Moral Philosophy an der Universität Oxford innehatte, wollte niemandem seine moralischen Intuitionen streitig machen. Das intuitive Moment soll von kritischer Untersuchung vertieft, nicht ersetzt werden, hier gilt es Hare zufolge, wie die Kinder Schritt für Schritt die Plastizität von Prinzipien zu erfahren: Erst allmählich lernen sie, was als Ausnahme von den Prinzipien gilt, von der Lüge bis zur Gewalt.

          Eine unmoralische Art, Moral zu begründen

          Aber gerade diese Herangehensweise, Moral von vornherein als Einzelfallregelungen zu konzipieren, ihre Vorgaben über Versuch und Irrtum herauszufinden, Immanuel Kant mit Henry Sidgwick anzureichern, ließ Hare als Herold des Konsequentialismus erscheinen. Danach kommt es auch zur Rechtfertigung von kantianisch für verwerflich gehaltenen Handlungen lediglich auf das Kalkül von absehbar eintretenden erwünschten Folgen, eben Konsequenzen, an, welche dann selbst die Folter noch in ein gutes Licht rücken können.

          Es war die Philosophin Elizabeth Anscombe, die 1958 in ihrem einflussreichen Aufsatz „Modern Moral Philosophy“ erstmals den Terminus Konsequentialismus gebrauchte und ihn als unmoralische Art, Moral zu begründen, mit den bekanntesten englischen Moralphilosophen in Verbindung brachte, angefangen mit dem „ersten Modernen“ Sidgwick. Namentlich Hare hielt sie vor, eine Auffassung als unhaltbar zu bezeichnen, „nach der es nicht richtig sein kann, Unschuldige – aus welchen Zwecküberlegungen auch immer – zu töten“. Sie kritisierte Hares Kunstgriff, durch Ausweitung des Prinzipienbegriffs auf jedwede Ad-hoc-Präferenz das Prinzip als kategorischen Ausschluss schlechter Handlungen zum Verschwinden zu bringen.

          So betont Anscombe die tolerante Haltung Hares gegenüber Gegenstandpunkten zu dessen eigenen Auffassungen, die Verfügbarkeit menschlichen Lebens betreffend, was Letztere freilich nicht besser mache: „Während Hare eine Philosophie lehrt, die einen zu dem Urteil ermutigen würde, dass man sich um übergeordneter Zwecke willen für die Tötung eines Unschuldigen entscheiden ,sollte‘, würde er, wie ich glaube, ebenfalls lehren, dass man demjenigen keinen Irrtum vorwerfen könne, dem es beliebt, es zu seinem ,obersten praktischen Prinzip‘ zu machen, dass ein Unschuldiger um keines Zweckes willen getötet werden darf: das sei eben einfach sein ,Prinzip‘.“

          Prinzip und Handlung

          In diesem Sinne beruft sich der Präferenzutilitarismus des Australiers Peter Singer auf Hare. Nicht die Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung begründet für ihn ein schützenswertes Interesse an der Unversehrtheit des eigenen oder fremden Lebens, sondern die Fähigkeit, Präferenzen zu artikulieren. Diese seien, ob von Mensch oder Tier geäußert, prinzipiell gleich zu berücksichtigen und im utilitaristischen Kalkül zu verrechnen – mit dem bekannten Negativsaldo etwa für Embryonen und Komatöse.

          Tatsächlich hatte Hare in seinem Buch „Die Sprache der Moral“ (1952) das Prinzip als moralische Begründungsfigur, welche zwar kein unbedingtes Tun, wohl aber ein unbedingtes Lassen als geboten erscheinen lassen kann, de facto suspendiert – einfach indem er jedwedem von einer beliebigen Präferenz gesteuerten Folgenkalkül den Rang eines Prinzips einräumte. Man müsse nicht notwendig in einem bestimmten, exklusiven Sinne schon ein Prinzip „haben“, bevor man handelt, um auf Grund eines Prinzips handeln zu können, erläutert Hare.

          Es könne sein, dass die Entscheidung, auf bestimmte Weise zu handeln, die Anerkennung eines Handlungsprinzips selbst schon sei. „Denn wenn man Folgen wählt, weil sie von einer bestimmten Art sind, dann beginnt man damit, auf Grund eines Prinzips zu handeln, des Prinzips nämlich, dass man diese und jene Folgen wählen soll.“ Niemand, so versteht man, entkommt also seiner Prinzipienreiterei: weder der aristotelische Verfechter einer Unterlassensmoral, nach der als in sich schlecht aufgefasste Handlungen unbedingt zu meiden sind, ungeachtet der Folgen, die ein solches Lassen nach sich zieht; noch der prinzipienvergessene Folgenkalkulator, der seinen Konsequentialismus nach Art eines Prinzips verfolgt.

          Moralischer Common Sense?

          Nun sind, wie gesagt, weder deontologisch verfahrende Denker wie Kant für Hares Prinzipienarchitektur nicht integrierbar, noch stellen Antikonsequentialisten wie Elizabeth Anscombe im englischsprachigen oder Robert Spaemann im deutschsprachigen Raum eine Folgenorientierung moralischen Handelns in Frage. Spaemann hat daran keinen Zweifel gelassen, als er 1982 in seinem Aufsatz „Wer hat wofür Verantwortung? Kritische Überlegungen zur Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik“ schrieb: „Ein Mensch, dessen Moral darin bestünde, ohne Rücksicht auf die Umstände immer bestimmte Handlungen auszuführen und andere zu unterlassen, wäre ein nicht lebensfähiger Idiot. Güterabwägung ist selbstverständlich die normale Art, sich sittlich, und das heißt immer auch vernünftig, zu verhalten.“ Von den Handlungsfolgen absehen könne man überhaupt nicht, wenn man handelt. Handeln heiße ja: bestimmte Wirkungen hervorbringen. Anderenfalls würde man nur Körperbewegungen beschreiben können. Der springende Punkt sei denn auch nicht, ob Folgen in Betracht kämen, sondern wer für welche Folgen Verantwortung trage. Freilich mit der Pointe: „Wer daran festhält, dass es Dinge gibt, die man nicht tun darf, der muss natürlich zugestehen, dass niemand für die Folgen der Unterlassung solcher Dinge die Verantwortung trägt.“

          Darin liegt die bleibende Differenz zu Hare. Auch er begründet sein Recht auf freie Wahl „von gut ausgewählten Prima-facie-Prinzipien“ jedoch gerade nicht mit dem größten Glück der größten Zahl (greatest-happiness-principle), sondern eher zeitökonomisch, wie er in „Moralisches Denken“ schreibt: „Im moralischen Fall haben wir bei den meisten Gelegenheiten nicht die Zeit, jedes Mal eine neue Glücksförderungs-Berechnung anzustellen, und würden den Bus verpassen; außerdem würden wir uns sehr oft vorschwindeln, dass eine bestimmte Handlung im allgemeinen Interesse ist, wo sie in Wirklichkeit nur ganz offensichtlich und unmittelbar uns selbst dient.“ Einen mit Jeremy Bentham auf Hedonismus statt auf persönliche Präferenzen ausgerichteten Utilitarismus hielt Hare ebenso für einen philosophischen Fehler wie die Annahme unbedingter Unterlassungsgebote – jedenfalls sofern solche Verbote den eigenen Präferenzen zuwiderlaufen.

          Täuscht der Eindruck, oder ist Hares Denken zu seinem Hundertsten moralischer Common Sense? Dass gewisse Dinge verboten sind, welche Konsequenzen auch immer drohen, hielt Elizabeth Anscombe noch für das christliche Gegenstück zur englischen Moralphilosophie. Das war 1958.

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