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Philosoph R. M. Hare : An Prinzipien ist kein Mangel

Prinzip und Handlung

In diesem Sinne beruft sich der Präferenzutilitarismus des Australiers Peter Singer auf Hare. Nicht die Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung begründet für ihn ein schützenswertes Interesse an der Unversehrtheit des eigenen oder fremden Lebens, sondern die Fähigkeit, Präferenzen zu artikulieren. Diese seien, ob von Mensch oder Tier geäußert, prinzipiell gleich zu berücksichtigen und im utilitaristischen Kalkül zu verrechnen – mit dem bekannten Negativsaldo etwa für Embryonen und Komatöse.

Tatsächlich hatte Hare in seinem Buch „Die Sprache der Moral“ (1952) das Prinzip als moralische Begründungsfigur, welche zwar kein unbedingtes Tun, wohl aber ein unbedingtes Lassen als geboten erscheinen lassen kann, de facto suspendiert – einfach indem er jedwedem von einer beliebigen Präferenz gesteuerten Folgenkalkül den Rang eines Prinzips einräumte. Man müsse nicht notwendig in einem bestimmten, exklusiven Sinne schon ein Prinzip „haben“, bevor man handelt, um auf Grund eines Prinzips handeln zu können, erläutert Hare.

Es könne sein, dass die Entscheidung, auf bestimmte Weise zu handeln, die Anerkennung eines Handlungsprinzips selbst schon sei. „Denn wenn man Folgen wählt, weil sie von einer bestimmten Art sind, dann beginnt man damit, auf Grund eines Prinzips zu handeln, des Prinzips nämlich, dass man diese und jene Folgen wählen soll.“ Niemand, so versteht man, entkommt also seiner Prinzipienreiterei: weder der aristotelische Verfechter einer Unterlassensmoral, nach der als in sich schlecht aufgefasste Handlungen unbedingt zu meiden sind, ungeachtet der Folgen, die ein solches Lassen nach sich zieht; noch der prinzipienvergessene Folgenkalkulator, der seinen Konsequentialismus nach Art eines Prinzips verfolgt.

Moralischer Common Sense?

Nun sind, wie gesagt, weder deontologisch verfahrende Denker wie Kant für Hares Prinzipienarchitektur nicht integrierbar, noch stellen Antikonsequentialisten wie Elizabeth Anscombe im englischsprachigen oder Robert Spaemann im deutschsprachigen Raum eine Folgenorientierung moralischen Handelns in Frage. Spaemann hat daran keinen Zweifel gelassen, als er 1982 in seinem Aufsatz „Wer hat wofür Verantwortung? Kritische Überlegungen zur Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik“ schrieb: „Ein Mensch, dessen Moral darin bestünde, ohne Rücksicht auf die Umstände immer bestimmte Handlungen auszuführen und andere zu unterlassen, wäre ein nicht lebensfähiger Idiot. Güterabwägung ist selbstverständlich die normale Art, sich sittlich, und das heißt immer auch vernünftig, zu verhalten.“ Von den Handlungsfolgen absehen könne man überhaupt nicht, wenn man handelt. Handeln heiße ja: bestimmte Wirkungen hervorbringen. Anderenfalls würde man nur Körperbewegungen beschreiben können. Der springende Punkt sei denn auch nicht, ob Folgen in Betracht kämen, sondern wer für welche Folgen Verantwortung trage. Freilich mit der Pointe: „Wer daran festhält, dass es Dinge gibt, die man nicht tun darf, der muss natürlich zugestehen, dass niemand für die Folgen der Unterlassung solcher Dinge die Verantwortung trägt.“

Darin liegt die bleibende Differenz zu Hare. Auch er begründet sein Recht auf freie Wahl „von gut ausgewählten Prima-facie-Prinzipien“ jedoch gerade nicht mit dem größten Glück der größten Zahl (greatest-happiness-principle), sondern eher zeitökonomisch, wie er in „Moralisches Denken“ schreibt: „Im moralischen Fall haben wir bei den meisten Gelegenheiten nicht die Zeit, jedes Mal eine neue Glücksförderungs-Berechnung anzustellen, und würden den Bus verpassen; außerdem würden wir uns sehr oft vorschwindeln, dass eine bestimmte Handlung im allgemeinen Interesse ist, wo sie in Wirklichkeit nur ganz offensichtlich und unmittelbar uns selbst dient.“ Einen mit Jeremy Bentham auf Hedonismus statt auf persönliche Präferenzen ausgerichteten Utilitarismus hielt Hare ebenso für einen philosophischen Fehler wie die Annahme unbedingter Unterlassungsgebote – jedenfalls sofern solche Verbote den eigenen Präferenzen zuwiderlaufen.

Täuscht der Eindruck, oder ist Hares Denken zu seinem Hundertsten moralischer Common Sense? Dass gewisse Dinge verboten sind, welche Konsequenzen auch immer drohen, hielt Elizabeth Anscombe noch für das christliche Gegenstück zur englischen Moralphilosophie. Das war 1958.

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