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Alexandre Kojèves Karriere : Ein erregender, abenteuerlicher Beruf

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Vollmächtiger Delegierter: Alexandre Kojève 1961 bei Handelsverhandlungen in Santiago de Chile Bild: Bibliothèque Nationale

Alexandre Kojève zog die Verwaltungstätigkeit der Laufbahn eines Hochschullehrers vor. Was ihm gegen England auf der europapolitischen Hinterbühne gelang, bezeichnet zugleich eine Wende seines Geschichtsdenkens.

          Der neo-hegelianische Philosoph, der den Kampf um Anerkennung unter Gefährdung des eigenen Lebens zum Schlüssel seines Geschichtsdenkens erklärte, starb vielleicht nicht für die, aber doch während der Sache, der er sich verschrieben hatte. Eine Tonbandaufnahme hat Alexandre Kojèves letzten Arbeitstag am 4. Juni 1968 in Brüssel für die Ewigkeit festgehalten. In der Arbeitsgruppe für Handelspolitik in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft warb der russischstämmige Philosoph um Verständnis für die Vorbehalte der Regierung in Paris, die sich mehr Zeit für den Abbau von Handelshemmnissen erbat. Plötzlich setzt ein dumpfer Knall dem Redefluss ein Ende, Anwesende rufen nach Sanitätern, die einige Minuten später nur noch die Todesursache feststellen können: Herzinfarkt. Am Nachmittag legten die Vertreter der EWG-Mitgliedstaaten eine Schweigeminute ein, um jenes Mannes zu gedenken, der noch „heute Morgen“ eine „Kostprobe seines Könnens und seiner Geistesgegenwart gab“, die ihm internationales Renommee eingebracht hatten.

          Bislang zog es die Nachwelt vor, ein einziges Jahrzehnt im Leben und Wirken von Alexandre Kojève in Erinnerung zu behalten. Nicht dem Verwaltungsfachmann, der seit Februar 1945 (übrigens unverbeamtet) im französischen Staatsdienst tätig war, galt das Interesse, sondern dem Dozenten, der von 1933 bis 1939 an der Pariser École pratique des hautes études im überschaubaren Kreis Hegels „Phänomenologie des Geistes“ kommentierte. Ruhm braucht Publikum, und das hatte es hier in sich: Maurice Merleau-Ponty schaute vorbei, zu den treuen Hörern gehörten die Philosophen Éric Weil und Raymond Aron, dazu gesellten sich der Jesuit Gaston Fessard, ein junger Arzt namens Jacques Lacan sowie der Ökonom Robert Marjolin, der Kojève nach dem Krieg einen Posten in der Außenwirtschaftsverwaltung verschaffte.

          In Frankreich stand Hegel damals noch im Ruch, der Vordenker des preußischen Expansionsstrebens zu sein, ein unverbesserlicher Romantiker und Monarchist. Diesen Hegel erkannte man in Kojèves Vorlesungen kaum wieder. Die „Phänomenologie“ erschien als Fibel aller Revolutionäre. Krieg, Umsturz und Gewalt waren fortschrittliche Triebkräfte der menschlichen Geschichte, die Kojève mit einem hypothetischen Urmoment in Form eines Duells beginnen lässt.

          Die Menschheit im Zustand endgültiger Befriedigung

          Vom Tier, so Kojève, grenze sich der Mensch einzig durch seine Fähigkeit ab, sein Leben für etwas aufs Spiel zu setzen, das Fragen der bloßen Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen oder der Reproduktion weit hinter sich lässt. Mensch sein heißt, vom „désir d’être désiré“ angetrieben und einem rastlosen Bedürfnis nach Anerkennung unterworfen zu sein. Es kommt zu Konflikten, um ein solches Anerkennen zu erzwingen. Nicht immer enden sie im Blutvergießen, mit dem Ableben der unterlegenen Partei. Vielmehr befinden sich die Kontrahenten fortan in einer „Dialektik von Herr und Knecht“, die für Hegel auf den Naturzustand beschränkt bleibt, aber bei Kojève zur Matrix von Geschichte überhaupt mutiert.

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