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Akademischer Mittelbau : Eine verlorene Generation scheint es nicht zu geben

  • -Aktualisiert am

Protest des akademischen Mittelbaus vor dem Brandenburger Tor in Berlin Bild: KAY HERSCHELMANN

Das Tenure-Track-Programm soll die Ausbeutung des akademischen Mittelbaus ansatzweise verbessern. Nach ersten Analysen geht das nicht zu Lasten erfahrener Wissenschafter.

          Mit Beginn des Wintersemesters haben die ersten Wissenschaftler ihre Professuren aus dem Tenure-Track-Programm von Bund und Ländern angetreten. Sie sind die ersten der 468 Personen an insgesamt 34 Hochschulen, die in den Genuss einer solchen Professur kommen. Diese richten sich an junge Wissenschaftler und sind zwar zunächst auf sechs Jahre befristet, werden bei Bewährung in Forschung und Lehre aber entfristet und bieten damit schon frühzeitig in der wissenschaftlichen Karriere eine langfristige Perspektive. Damit sind die Inhaber dieser Professuren glückliche Profiteure des sogenannten Nachwuchspaktes, der die Karrierewege im deutschen Wissenschaftssystem verbessern soll.

          Doch dieses längst überfällige Programm zur Verbesserung der Beschäftigungsbedingungen junger Wissenschaftler stößt nicht nur auf Beifall, sondern auch auf zahlreiche Bedenken. Insbesondere Wissenschaftler, die schon seit einigen Jahren befristet forschen und lehren, befürchten, zu einer „verlorenen Generation“ zu gehören: zu jung für eine der wenigen unbefristeten Professuren und zu alt für eine der neuen Tenure-Track-Professuren. Zusammen mit weiteren Mitgliedern der Jungen Akademie gehen wir diesen Bedenken nach, indem wir das Tenure-Track-Programm kritisch begleiten.

          Mittlerweile naht bereits die zweite (und vorerst letzte) Ausschreibungsrunde dieser begehrten Professuren: Bis einschließlich Januar können sich Universitäten, die bisher nicht oder nur anteilig gefördert wurden, um weitere 532 Tenure-Track-Professuren aus diesem Programm bewerben. Ein guter Zeitpunkt, um erste Ergebnisse unseres unabhängigen Forschungsprojekts vorzustellen.

          Anstoß zum Strukturwandel

          Ziel der Tenure-Track-Professur ist, planbare und transparente Karrierewege in der Wissenschaft zu etablieren. Planbar, weil die Entscheidung über den Verbleib in der Wissenschaft schon früher, im Allgemeinen kurz nach der Promotion, getroffen wird und es schon dann die realistische Option einer Entfristung gibt. Und transparent, weil Berufungskommissionen anhand festgelegter Kriterien über die Auswahl der Tenure-Track-Professoren und deren Entfristung entscheiden, statt dies einzelnen Professoren zu überlassen, wie es bei der Vergabe klassischer Assistenzstellen oftmals der Fall ist. Dabei versteht sich das Tenure-Track-Programm auch explizit als Reformprojekt für einen Kultur- und Strukturwandel im deutschen Wissenschaftssystem.

          Die Tenure-Track-Professur baut auf der schon 2002 von der damaligen Forschungsministerin Edelgard Bulmahn eingeführten Juniorprofessur auf. Sie stellt eine international verbreitete Stellenkategorie dar und ermöglicht jungen Wissenschaftlern bereits zu Beginn ihrer Karriere Freiheit in Forschung und Lehre. Problematisch war, dass Juniorprofessuren selbst bei hervorragender wissenschaftlicher Leistung oftmals nicht entfristet werden konnten. Es fehlte damit die langfristige Perspektive. Dieses Problem wird durch die Professuren aus dem Tenure-Track-Programm behoben.

          Was bleibt, ist die Befürchtung, eine verlorene Generation zu schaffen. Zu dieser verlorenen Generation werden Wissenschaftler gezählt, die bisher zwar noch auf keine unbefristete Professur berufen wurden, aber bereits mehrere Jahre seit ihrer Promotion in der Wissenschaft tätig sind. Dies sind beispielsweise Personen auf einer befristeten Juniorprofessur ohne Tenure Track oder auf einer befristeten Akademischen Ratsstelle sowie Personen, die eine Eigene Stelle oder eine Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder einen ERC-Starting Grant des Europäischen Forschungsrats eingeworben haben. Diese Wissenschaftler sind gemäß den Hochschulgesetzen der Länder bereits zu alt (beziehungsweise zu qualifiziert) für eine Tenure-Track-Professur und können von dieser Förderung somit nicht mehr profitieren.

          Erfahrene Wissenschaftler werden berücksichtigt

          Drei Fragen wollen wir mit unserer kritischen Begleitung des Tenure-Track-Programms beantworten: Welche Art von Tenure-Track-Professuren werden durch das Programm finanziert? Geschieht dies zu Lasten einer Generation an Wissenschaftlern? Und werden mit den Programmmitteln tatsächlich neue Professuren geschaffen?

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