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Afrodeutsche Literatur : Das Ei des Anti-Kolumbus

  • -Aktualisiert am

Sharon Dodua Otoo nach ihrer Lesung 2016 in Klagenfurt Bild: Puch Johannes

Vor zwei Jahren gewann Sharon Dodua Otoo den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Priscilla Layne hat ihren Siegertext jetzt im Lichte des Afrofuturismus interpretiert.

          Mit einem Text über ein zu weich gekochtes Ei gewann Sharon Dodua Otoo vor zwei Jahren den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Die Frühstücksszene, in der das Gedankenexperiment eines autonom handelnden Eis dergestalt durchgespielt wird, dass dieses sich dagegen entscheidet, hart zu werden (und folglich auf Krawatte und Anzug des frühstückenden Herrn Gröttrup landet), diente der von ghanaischen Eltern in London geborenen, heute in Berlin lebenden Otoo seinerzeit dazu, die Erfahrung eines „unmarkierten“ Lebens vor Augen zu führen und ihr im imaginativen Raum der Literatur eine Alternative zur Seite zu stellen, den Vorschlag einer vollständigen Perpektivverschiebung.

          Was dies im Sinne des „Afrofuturismus“ bedeutet, überdies im Kontext der afrodeutschen Literatur, welche die vermeintliche Unvereinbarkeit von „deutsch“ und „afrikanischer Herkunft“ problematisiert, führte die Literaturwissenschaftlerin Priscilla Layne jüngst in einem Vortrag an der American Academy in Berlin vor Augen. Layne, die an der University of North Carolina at Chapel Hill lehrt, erinnerte zunächst an den Kulturkritiker Mark Dery, der 1994 den Terminus Afrofuturismus geprägt hatte. Bekannte Erscheinungsformen afrofuturistischer Kunst sind die Comicreihe „Black Panther“, die Musik der ebenfalls in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gegründeten Funk-Band „Parliament“ und die Science-Fiction-Literatur Octavia E. Butlers. Von anderen, oft längst historischen Futurismen hebt sich der Afrofuturismus ab, indem er in die Vergangenheit ausgreift. Er begrüßt den technologischen Fortschritt und behält zugleich die Situation der von Kolonialismus und Sklavenhandel erzeugten afrikanischen Diaspora im Blick, die, wie Layne in der Diskussion nach ihrem Vortrag ausführte, diesseits und jenseits des Atlantiks ähnliche Erfahrungen für schwarze Menschen bereithält.

          Unter anderem begegnen sie der aus den identitätspolitischen Debatten unserer Tage geläufigen Figur des „alten weißen Mannes“. Polemisch bestreitet dieses Etikett die universalistischen Implikationen der auf Kant zurückgehenden Annahme eines erkenntnisfähigen Subjekts, das um die Begrenztheit seines Wahrnehmungsapparates weiß und sich dennoch imstande sieht, treffliche Aussagen zu fällen. Layne liest Kants Erkenntnistheorie zusammen mit seinen Texten über die „Menschenrassen“ und zieht daraus den Schluss, dass das aufklärerische achtzehnte Jahrhundert den Weg gebahnt hat für eine Auffassung schwarzer Menschen als Objekte, über die „selbstproklamierte universelle Subjekte“ Urteile treffen können.

          Ein geschichtskritisches Momentum

          Auf solche Konstellationen bezieht sich die Schriftstellerin Otoo in ihrer Kurzgeschichte mit einer Passage, in der sich Helmut Gröttrup befremdet zeigt von der Zuschreibung, „weiß“ zu sein oder sogar „cis gender“. Dieses Befremden wiederum erklärte Priscilla Layne mit einer subtilen Verschiebung der Erfahrung, „unmarkiert“ zu sein, zu jener, von außen „markiert“ zu werden. Otoos Text geht noch weiter. Mit dem Ei als bewusst planendem, außerdem monologisierendem Subjekt bringt er gleichsam ein Remedium grundsätzlicher Natur ein. Layne nannte diesen Kunstgriff eine „afrofuturistische, posthumanistische Intervention“.

          Nicht zuletzt knüpft sich an das Zerplatzen des Eis das Erscheinen weiterer Personen, der Ehefrau Irmi und der Haushaltshilfe Ada. Beide profitieren von dem Perspektivwechsel, den das sprechend-handelnde Ding einleitet. Ein geschichtskritisches Momentum wollte Layne in dem Treffen zwischen Herrn Gröttrup und Ada im Badezimmer, am Schluss der Kurzgeschichte, erkennen. Die Szene zwischen Hausherr und Haushaltshilfe deutet sie als Verweis auf Hegel: Dass es für Kammerdiener keine Helden gebe, „nicht, weil dieser kein Held, sondern weil jener der Kammerdiener ist“, wie Hegel schreibt, und dass deshalb allein die Helden Geschichte schaffen könnten, auch diese Vorstellung wird durch die Verschiebung von „agency“ in Otoos Kurzgeschichte außer Kraft gesetzt. Worin liegt der Witz? Für Layne in der Vorführung der Möglichkeit einer „objektorientierten Ontologie“, die Äquivalenz im Raum schafft und den Leser auffordert, den eigenen Blick neu einzustellen. Zukunftsträchtig scheint Priscilla Layne gerade der „entwaffnende“ Ton, die leise Komik dieser besonderen Geschichte.

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