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Achtundsechzig an Hochschulen : Der kurze Sommer der Mitbestimmung

Alle anstelle des Einen: Frankfurter Studenten besetzen das Rektorat der Goethe-Universität Bild: Barbara Klemm

Die Hochschulen waren das zentrale Aktionsfeld der Achtundsechziger. Alle forderten Demokratie, manche den Systemwechsel. Was hat man davon erreicht?

          Frankfurt zum Beispiel, die Stimmung ist explosiv: Ein Trupp von Studenten zieht auf das Institut für Sozialforschung zu, an ihrer Spitze Hans-Jürgen Krahl, der Hoffnungsträger der Kritischen Theorie. Sein akademischer Mentor Theodor W. Adorno, der die nonkonformistischen Geister, die seine Theorie in die Praxis übertragen sollten, leibhaftig kommen sieht, zieht die Notbremse und ruft die Polizei. Der Bruch zwischen Theorie und Praxis ist vollzogen. Das Institut wird geräumt. Die Geister von Achtundsechzig werden in den Seminaren noch eine Weile weiterspuken. Was aber haben all die Teach-ins, Sit-ins, Störaktionen am Ende tatsächlich bewirkt?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Frage, ob die Achtundsechziger-Bewegung die Republik tiefgreifend veränderte oder nach einem kurzen Sommer der Anarchie erschöpft war, wird mit jedem Jubiläumsjahr neu gestellt. Man sollte meinen, dass sie zumindest an ihrem Ursprungsort, den Universitäten, deutliche Spuren hinterließ. Überraschenderweise waren die Folgen der Bewegung für die Hochschulen in der Forschung lange ein vernachlässigtes Thema. Heute kann man dank neueren Studien sagen: auf struktureller Ebene hat Achtundsechzig keine bleibenden Spuren hinterlassen.

          Das lag zunächst einmal daran, dass man sich nie über die Frage einig wurde, ob die erstrebte Demokratisierung der Universitäten auf Reformen oder Revolution angelegt sein sollte. Zwischen Parolen wie „Zerschlagt die Wissenschaft“ und einer Demokratisierung mit neuhumanistischem Anstrich, wie es die Reformschrift des SDS von 1965 forderte, war das Spektrum breit. Für die revolutionäre Fraktion waren die Hochschulen vor allem ein Feld der Bewusstseinsbildung. Um den Staat zur Gegenaktion zu provozieren und so die repressiven Strukturen der Gesellschaft bloßzulegen, trieb man den Protest dort bewusst auf die Spitze – und erstickte dadurch den reformerischen Impuls.

          Reformer und Revolutionäre

          Auch für die Hochschulen gilt, was die historische Forschung heute allgemein über Achtundsechzig sagt: Die Bewegung war eher Katalysator als Pionier der Reform. Dass die Forderungen nach Demokratisierung und Mitbestimmung auf fruchtbaren Boden fielen, verdankt sich einer allgemeinen Reformstimmung in der Politik. Nach der Monographie von Anne Rohstock (2010) lag die eigentliche Inkubationszeit der Hochschulreform in den sechziger Jahren. Der Sputnik-Schock von 1957 hatte den technologischen Rückstand und den Fachkräftemangel aufgedeckt und eine Reformperiode eingeleitet, die sich über zwanzig Jahre hinweg erstreckte. Der staatliche Impuls zur Hochschulreform hatte demnach primär wirtschaftliche Motive, sollte aber auf heute etwas fremdartig klingende Weise auch gesellschaftspolitischen Fortschritt bewirken. Das Mantra der Modernisierung war ein biegsamer, schillernder Begriff.

          Reform und Revolution waren ein Gegensatzpaar, das schuf einen Graben zwischen Politik und Bewegung. Gemeinsam war beiden Fraktionen, die Ordinarienuniversität, die nach dem Weltkrieg noch einmal in alter Professorenherrlichkeit fortgelebt hatte, für überlebt zu halten und durch die Gruppenuniversität zu ersetzen. In ihr waren die verschiedenen Statusgruppen – Professoren, Assistenten, Studenten – gleichrangig in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung vertreten. In diesem Geist verabschiedeten fast alle Bundesländer zwischen 1968 und 1973 neue und meist sehr progressive Landeshochschulgesetze. Dem damit geebneten Übergang zur Gruppenuniversität folgte laut Rohstock aber kein dramatischer Wandel. Innerhalb der neuen Strukturen hätten sich häufig alte Muster durchsetzen können. Anders als oft behauptet seien auch nicht massenhaft Marxisten in Professuren gehievt worden.

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