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Historisches Museum Frankfurt : Der doppelte Blick in den Stadtspiegel

Planet Frankfurt, künstlerisch verfremdet: Am neuen Stadtmodell kann man sich kaum sattsehen. Bild: dpa

Das Historische Museum Frankfurt eröffnet seinen neuen Bau: Die Ausstellung setzt auf Mitarbeit der Besucher, um das Bild einer Metropole immer neu zu malen.

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          Als die Preußen Ernst machten, wollte Karl Fellner nicht mehr leben. Kampflos zogen die Eroberer am 16.Juli 1866 in die Stadt ein, der Fellner als Älterer Bürgermeister vorstand. Er bemühte sich zunächst, die exorbitanten Geldforderungen der Preußen zu erfüllen, aber als er eine Liste zum Vermögen der Frankfurter Honoratioren anfertigen sollte, erhängte er sich am 24. Juli. Bei seinem Begräbnis, zu dem trotz befohlener Geheimhaltung und unmöglicher Tageszeit an die sechstausend Frankfurter kamen, drückte Fellners Schwager dem preußischen Aufpasser den Strick in die Hand – und die geforderte Liste. Sie war leer.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Totenmaske des letzten Oberhaupts der unabhängigen und bald nach der Besatzung an Preußen gefallenen Stadt Frankfurt ist eines von hundert Objekten, die von heute an in einem gesonderten Bereich im Neubau des Historischen Museums der Stadt zu sehen sind. Und sie fügt sich vorzüglich in ein Konzept, das auch in den übrigen Teilen der Dauerausstellung spürbar ist: Rückblick und Gegenwartsdarstellung der Stadt sind hier erheblich mehr an ihre Bewohner als an ihre Gebäude geknüpft, Frankfurt wird mit einigem Recht als Gemeinwesen verstanden, das stolz auf seine Distanz zum Adel war (allerdings ebenso stolz auf seine Rolle bei der Wahl der deutschen Kaiser), und das in einem Maße, dass der Verlust der Selbständigkeit im neunzehnten Jahrhundert als ungeheuerliche Kränkung erlebt wurde.

          Stadtgeschichte als Wunderkammer: Der historische Teil der Ausstellung.
          Stadtgeschichte als Wunderkammer: Der historische Teil der Ausstellung. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Der freistehende Neubau des Historischen Museums, mit dem ebenfalls neu errichteten zentralen Empfangsbereich vor den Altbauten auf der Mainseite durch einen unterirdischen Durchgang verbunden, löst diesen Anspruch in beiden Teilen seiner Dauerausstellung ein. Die unteren beiden Stockwerke sind unter dem Titel „Frankfurt Einst?“ der Stadtgeschichte gewidmet, das oberste wird mit dem Bereich „Frankfurt Jetzt!“ gefüllt. Während allerdings der Raum unter dem Dach des speicherförmigen Gebäudes insgesamt großzügig und beinahe luftig wirkt, erinnert zwei Etagen tiefer die den hundert Objekten zur Stadtgeschichte vorbehaltene Abteilung eher an eine Wunderkammer alten Zuschnitts, so eng stehen die Exponate manchmal im langgestreckten Gang zwischen Wand und holzverkleidetem Treppenhaus beieinander.

          Auf jedes Dach der Innenstadt geklettert

          Das allerdings ist kein Nachteil, nicht nur, weil vieles so deutlich miteinander korrespondiert, Ansichten der Stadt etwa oder Schaustücke, die jeweils auf Handwerk, Administration, Religionsausübung oder bauliche Entwicklung in Frankfurt verweisen und mal in der Sache, mal aber auch im Objekt selbst begründet sind. Sondern auch, weil diese rasche Abfolge, begleitet von einem an der Wand angebrachten Zeitstrahl, die Basis für die übrigen Abteilungen der Dauerausstellung legt: Die große historische Linie ist da, von nun an geht es um die Themen.

          Sie machen Frankfurt aus: Porträts wichtiger und unbekannterer Bürger. Wer möchte, kann sich in ihre Biografien vertiefen.
          Sie machen Frankfurt aus: Porträts wichtiger und unbekannterer Bürger. Wer möchte, kann sich in ihre Biografien vertiefen. : Bild: dpa

          Konsequent zweisprachig, auf Deutsch und Englisch, zielt das Museum ersichtlich auf Besucher, die selbst entscheiden, wie weit sie sich auf das Gebotene einlassen – wer will, kann sich im Altstadtmodell verlieren, das Hermann und Robert Treuner zwischen 1925 und 1962 schufen und für dessen Erstellung sie, wie der Museumsdirektor Jan Gerchow sagt, „auf jedes Dach“ der Innenstadt kletterten, um die Gebäude korrekt mit papierüberzogenen Vollholzmodellen reproduzieren zu können. Das Modell bildet den Zustand um 1927 ab, vor den Kriegszerstörungen also und vor den Schneisen, die danach durch die Stadt geschlagen wurden.

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