https://www.faz.net/-gqz-119zv

Historische Rekonstruktionen : Heimweh nach dem Familienidyll

  • -Aktualisiert am

Mit Sorgfalt saniert: die 1802 errichtete Villa Metzler in Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

In der gegenwärtigen Neigung zu historischen Rekonstruktionen in der Architektur drückt sich eine Sehnsucht nach Kontinuität und Geborgenheit aus. Oft bilden die Nachbauten jedoch nur die Fassade für schnöden Erlebniskonsum.

          Als Alfred Weidenmann 1959 die „Buddenbrooks“ verfilmte, musste er ins unzerstörte Lüneburg ausweichen. Im schwer kriegsversehrten Lübeck entstanden nur einige Aufnahmen vor dem geretteten Holstentor und der Fassade des Buddenbrookhauses, dem letzten Überbleibsel des Anwesens. Auch Franz Peter Wirth drehte 1978 seine elfteilige Fernsehserie nicht am originalen Ort, sondern im rekonstruierten Danzig.

          Erst Heinrich Breloer entschloss sich, seine „Buddenbrooks“ in Lübeck selbst aufzunehmen. Die Stadt dürfte ihn mit ihren zahllosen Restaurierungen und Rekonstruktionen seit dem Erlangen des Welterbestatus 1987 dazu ermutigt haben. Nur das Buddenbrookhaus mit seiner noblen weitläufigen Diele, der säulengeschmückten Vorhalle sowie „Landschafts-“ und „Götter-Zimmer“ ließ Breloer nach Thomas Manns akribischen Beschreibungen im Roman nachbauen. Das Original, seit 2000 ein intimes Museum der Literatur und der Familie Mann, bietet zwar drei rekonstruierte Räume, doch die sind melancholisch inszenierte Environments, fernes Echo statt nachgestelltem Leben und so als Kulisse ungeeignet.

          Sehnsucht nach Geborgenheit

          Prompt forderte Barbara Buhl vom Koproduzenten WDR bei der Essener Uraufführung des Films in einem launigen Nebensatz, die Kölner Buddenbrook-Replik dürfe keinesfalls abgerissen werden. Ihren Lokalpatriotismus einmal beiseitegelassen, stand sie als unwissentliche Stellvertreterin der Deutschen und Sprecherin der allgemeinen Stimmung auf der Bühne der Lichtburg: Breloers „Buddenbrooks“ werden nicht nur wegen der unglaublich aufwendigen Werbekampagne, nicht nur wegen der prominenten Darsteller und auch nicht wegen der ungebrochenen Faszination dieses liebsten Romans der Deutschen Erfolg haben - sondern auch dank der aktuellen deutschen Sehnsucht nach Stätten der Geborgenheit und Kontinuität.

          In Frankfurts Innenstadt entsteht nach historischem Vorbild das „Palais Quartier”, leider ohne sich an die Proportionen des Vorbilds zu halten.

          Szenenwechsel: Vor drei Wochen wurde in Frankfurt nach zweijähriger Sanierung die klassizistische Villa Metzler wiedereröffnet. 1802 errichtet, 1865 aufgestockt, war sie 1966 zum Museum für Kunsthandwerk geworden und seit der Eröffnung des spektakulären Erweiterungsbaus von Richard Meier 1987 ins Abseits geraten. Allenfalls ein Zehntel der Menge, die Essens Lichtburg zur Buddenbrook-Premiere füllte, war zur Wiedereröffnung der Villa Metzler anwesend. Doch die Rührung und Dankbarkeit, mit der man durch die endlich wieder noblen Räume streifte, war die gleiche. „Epochenräume“ sind entstanden, Salons des Empire und Biedermeier, geschmackvoll ausgestattet mit Möbeln des einstigen Frankfurter Patriziats. Wer das dem Buddenbrookschen Auf und Ab gleichende Leben einer entsprechenden Familie verfilmen wollte, hätte hier das perfekte Ambiente.

          Nostalgisch in die Ultramoderne

          Frankfurt dürfte die Einweihung der Villa Metzler auch als Vorahnung des Altstadtviertels erlebt haben, das man in den kommenden Jahren zwischen Dom und Römer rekonstruieren will - und als verheißungsvolles Vorspiel zur baldigen Eröffnung des rekonstruierten Thurn-und-Taxis-Palais zwei Schritte von der zentralen Hauptwache. Derzeit präsentiert dieser Bau sich als groteske Mischung aus Ultramoderne und Nostalgie: Einzelne Partien starren noch als nackte vorfabrizierte Betonplatten mit rasiermesserscharfen Fenster- und Bogenöffnungen, an anderen Stellen ist bereits die historische Fassadenverkleidung samt Sprossenfenstern und Gauben aufgebracht. Sie besteht überwiegend aus Sandsteinrepliken, nur an der Straßenfront sind einige originale Säulen und Gewände integriert. Sie wurden beim Abbruch der beiden Torpavillons geborgen, die zwar die Bomben des Kriegsjahres 1944 und die Sprengmeister der Wiederaufbaujahre, nicht aber den Bedarf des heutigen Bauherrn (ein Immobilienkonzern) an Tiefgaragenplätzen überstanden hatten.

          Weitere Themen

          Direkter Demokrat

          Fergus Millar ist tot : Direkter Demokrat

          Er provozierte eine der heftigsten Debatten in der jüngeren Geschichte seines Faches: Zum Tod des englischen Althistorikers Fergus Millar.

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Mittwoch in London

          Parlament gegen Johnson : Aufstand gegen den No-Deal-Brexit

          Noch ist Boris Johnson nicht Premierminister. Aber er spielt schon öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen. Jetzt reagiert das Parlament – und macht ihm eine solche Lösung durch einen Trick schwerer.
          Außenminister Heiko Mass (links) und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow unterhalten sich vor Beginn des Petersburger Dialogs in Königswinter.

          „Petersburger Dialog“ : Maas nähert sich an – Lawrow teilt aus

          Laut Außenminister Maas könnten die dringenden Fragen der Weltpolitik nur mit Russland angegangen werden. Sein russischer Amtskollege wirft Deutschland hingegen vor, sich an „einer aggressiven antirussischen Politik“ zu beteiligen.

          Verhör von Carola Rackete : „Es sollte um die Sache gehen“

          Die „Sea-Watch“-Kapitänin kritisiert nach ihrer Anhörung den Rummel um ihre Person. Der lenke vom eigentlichen Problem ab: dem Umgang mit den Migranten im Mittelmeer. Doch Racketes Äußerungen zur Seenotrettung sind in Italien umstritten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.