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Historische Rekonstruktionen : Heimweh nach dem Familienidyll

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Dass die Palais-Replik, im Original 1729 entworfen von Robert de Cotte, dem Hofbaumeister Ludwigs XV., zwergenhaft wirkt, liegt nicht nur an den beiden Hochhausriesen, die unmittelbar hinter der Rückfront als Rohbauten in den Himmel ragen. Ausschlaggebend ist die Tatsache, dass man sich entschloss, das Bauwerk nicht im Maßstab 1:1, sondern reduziert nachzubauen. Diese auf dem Papier und in den Computeranimationen geringfügige Änderung hat in der dreidimensionalen Realität niederschmetternde Wirkung: Alles, was einst das Palais Thurn und Taxis weitläufig und elegant erscheinen ließ, wirkt nun beengt und verniedlicht. Was künftig als Teil einer Mall mit rekonstruiertem rundem Festsaal in der Mitte, gehobener Gastronomie, exklusivem Einzelhandel und „Eventbereichen“ in den Seitenflügeln samt einem neuen unterirdischen Ballsaal für tausend Personen aufwarten wird, ist ein Barbie-Schloss, eine Puppenstube, ein Animationsgeschöpf.

Einkaufsareale in barockem Gewand

Doch die verstümmelte Replik, so ist zu fürchten, wird kaum weniger wertgeschätzt werden als die originale Villa Metzler und so erfolgreich sein wie der Nachbau des Braunschweiger Stadtschlosses, das 2006 als Brustpanzer samt einigen wenigen nachempfundenen Innenräumen einem dreimal so großen Einkaufszentrum vorgeblendet wurde. Das Gleiche gilt für Mainz, wo momentan am Domplatz Fassadenkopien (ihrerseits schon wieder ein Nachbau von Repliken der achtziger Jahre) eine Mall kaschieren, und es gilt für Dresdens Neumarkt, der rings um die rekonstruierte Frauenkirche als Einkaufsareal aus Betonboxen mit Barockfassaden entstanden ist.

Der Drang der Deutschen nach originalen wie nach kopierten Bauwerken ist schier unbezähmbar. Wir warten ungeduldig auf die Fassadenrekonstruktion der Stadtschlösser in Berlin und Potsdam, auf die Auferstehung von Schinkels Berliner Bauakademie und von Herrenhausen, sind gespannt auf die Eröffnung des teilrekonstruierten Schlosses in Dresden. Was diese Gebäude uns vermitteln, warum wir sie momentan jedem unverkennbar zeitgenössischen Bauwerk vorziehen (83 Prozent der Deutschen, so hat in diesem Sommer eine Studie ermittelt), das zeigt uns Breloers Film.

Zuflucht vor der beschleunigten Zeit

Zwei Generationen Leben in überwiegend moderner Architektur und zwei, wenn nicht drei Generationen von Architekten haben - ein Armutszeugnis sondergleichen - es nicht vollbracht, unsere Städte so zu gestalten, dass wir uns in ihnen heimisch fühlen. Wie Tony Buddenbrook nach dem Verkauf des Elternhauses fehlt den meisten von uns eine zuverlässige Zuflucht, ein Heim, das schon Generationen zuvor Sicherheit bot und uns helfen könnte, den Abgrundahnungen der immer rascher aufeinander folgenden Krisen standzuhalten.

Beim ersten Rundgang durch das Buddenbrookhaus, das er zu kaufen gedenkt, ruft der Emporkömmling Hermann Hagenström ein ums andere Mal aus, das Ganze sei „eine Perle, effektiv eine Perle“. Hagenström wird im Roman leise verächtlich, aber auch bewundernd als Mann gekennzeichnet, der sich damit etwas „Äußerliches, die historische Weihe, sozusagen das Legitime“ kaufe, „worauf er bislang mit Überlegenheit und Vorurteilslosigkeit verzichtet“ habe. Aus der Perspektive der aktuellen deutschen Rekonstruktionslust ist Hermann Hagenström unser aller Spiegelbild. Doch er strebt nach echten Perlen, während wir uns an „Zuchtperlen Michiko“ gewöhnen.

Das ist der Wahrheitskern in der launigen Anmerkung, die das Kölner Imitat des Buddenbrookhauses unter Denkmalschutz wissen wollte: Surrogate sind nicht mehr Ersatz, sondern erringen Echtheitsstatus. Das spricht nicht gegen Rekonstruktionen, sehr wohl aber dagegen, dass man uns im Kino wie in der Realität mehr und mehr mit Leinwand- und Computeranimationen abspeist, mit oberflächlichen Imitaten, deren Substanz sich zu Originalen oder sorgfältigen Rekonstruktionen so verhält wie Polyester zu Seide oder wie die Geschäftsbücher des Betrügers Grünlich zu denen des Konsuls Buddenbrook. Vielleicht schärft ja, trotz oder wegen seines perfekten Illusionismus, Breloers Film den Blick für den Unterschied. Das Heimweh nach dem Buddenbrookhaus aber wird er zweifellos schüren.

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