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Dan Diner wird 70 : Vom Unsinn des Identitären

Der 1946 geborene Historiker und Schriftsteller Dan Diner. Bild: Picture-Alliance

Eigensinniges Denken ist sein Markenzeichen. Nach der Lektüre jeder seiner Werke denkt der Leser: Darauf hätte man auch kommen sollen. Zum Siebzigsten von Dan Diner.

          3 Min.

          Im Gespräch hat Dan Diner einmal gesagt, das Wort „Identität“ werde man in seinen Schriften vergeblich suchen, es sei ihm zuwider. Nicht einmal in der siebenbändigen „Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur“, die er herausgegeben hat, einem Lexikon von unerschöpflichem Reichtum, finde sich der Begriff. Wer die Frequenz kennt, in der „Identität“ – deutsche, jüdische, europäische, westliche und was nicht noch für eine – die Publikationen aus Diners Forschungsgebieten, der modernen Geschichte und der des Judentums, heimsucht, kann einschätzen, wie eigensinnig dieser Historiker ist.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Eigensinnig zunächst, was seine Distanz zu aller gefühlsgeleiteten Geschichtsschreibung angeht. Die Beschäftigung mit dem Judentum etwa, notierte er, werde hierzulande oft von den guten Absichten derer motiviert, die etwas wiedergutmachen wollten. Für die Erkenntnis sei das aber oft kein Vorteil, weil es die Schwierigkeiten eines Gegenstandes unterschätze, der seit langem räumlich verstreut sei, von unterschiedlichsten Stufen der Religiosität bis hin zur Absage an den Glauben bestimmt ist und bei dem auch weit zurückliegende Zeiten in den negativen Bann des Holocausts geraten sind.

          Frühe Zweifel an der „Identität“

          Anders formuliert: Immer intervenierte in die Beschäftigung mit dem Judentum die angespannte historische Lage dieses Kollektivs an den unterschiedlichsten Orten, intervenierte die Obsession seiner nichtjüdischen Umwelt durch die Existenz der jüdischen Gemeinschaft, intervenierten moralische und politische Interessen. Vor allem in der Moderne war mit den Juden stets auch die Moderne selbst thematisch, ganz gleich, ob das in ihrer Lebenswelt einen Anhaltspunkt fand oder nicht.

          Das Dilemma des Gelehrten: Man kann solche Perspektiven weder erkenntnisleitend werden lassen noch an ihnen vorbeikommen. Diners Leistungen als Herausgeber jener Enzyklopädie und als Gründungsdirektor des Simon-Dubnow-Instituts an der Universität Leipzig, wo er von 1999 bis 2014 wirkte, beruhen vor allem auf seinem Sinn für diese unausgleichbaren Spannungen in seinem Forschungsfeld. Sein Satz, dass sich aus dem Holocaust nichts lernen lässt, was nicht auch ohne ihn feststand, außer: dass etwas geschehen kann, was die Aufklärung durch völlig grundlosen Massenmord widerlegt, drückt sie aus.

          Doch schon lange bevor er sich mit der Geschichte des Judentums befasste, hatte Dan Diner alle Gründe, an der Nützlichkeit, mehr aber noch an der Wirklichkeit des Begriffs „Identität“ zu zweifeln. 1946 wurde er in München als Kind von Eltern geboren, die aus Polen und Litauen stammten, sich auf der Flucht vor den deutschen Judenmördern und nach der Entlassung des Vaters aus einem GULag Stalins in Kirgisien kennengelernt hatten und kurz nach Diners Geburt über Paris nach Israel zogen. 1954 kehrte die Familie nach Deutschland zurück.

          Eine provozierende These

          Diner studierte im Höhepunkt der Proteste von 1968 Rechtswissenschaften in Frankfurt und wurde als Jurist mit einer kriegsrechtlichen Arbeit promoviert. Aus seinen sozialwissenschaftlichen und historischen Nebenfächern entwickelte sich das weitere Forscherleben, das zu Professuren in Essen, Tel Aviv, Beer Sheva, Leipzig und Jerusalem führte, mit Studien über Tausch und Gewalt in Palästina, den Nationalsozialismus und die Gedächtnisgeschichte des Holocausts sowie das Amerikabild der Deutschen.

          Mit seinem Buch über den zivilisatorischen Stillstand in der arabischen Welt durch „sakrale Versiegelung“ aller Lebensumstände zog sich Diner die Frage zu, ob er hier nicht doch zu wenig Differenz im Nahen Osten wahrnahm. Seine provozierende These, die Hochsprache des Arabischen blockiere soziale Entwicklungen, weil sie die Trennung von heiliger Selbstbeschreibung der Kultur und nichtverschriftlicher Alltagserfahrung zementiere, belegt das Gegenteil. Der arabische Islam, könnte man sie zusammenfassen, leidet an einer „identitären“ Galvanisierung seiner religiösen Traditionen.

          Da hätte man auch selbst drauf kommen sollen

          Dass Dan Diner dreißig Jahre zuvor daran dachte, das politische und ökonomische Zurückbleiben des Vorderen Orients „sehr marxig, sehr weberig“ aus agrarischen Besitzverhältnissen zu erklären, markiert dabei nicht nur die Entwicklung des Gelehrten. Es zeigt auch, wie eigensinnig und ohne Konversionspathos er an seinen Probleminteressen festgehalten hat.

          Zur Zeit schreibt er, der zuletzt eine Studie zum Wiedergutmachungsabkommen zwischen Israel und Deutschland von 1952 vorlegte, an einer Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die den Wortbestandteil „Welt“ ernst nimmt und also nicht nur Europa im Blick hat. Auch diesem historischen Ereignis also wird er zum Fortschritt der historischen Erkenntnis seine Identität nehmen. Es gibt keinen Text von Dan Diner, den man ohne den Eindruck aus der Hand legt, auf seine abweichenden Perspektiven hätte man auch kommen sollen. Heute wird dieser bedeutende Anbringer historischer Korrekturen siebzig Jahre alt.

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