https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hirnforschung-keiner-kann-anders-als-er-ist-1147780.html

Hirnforschung : Keiner kann anders, als er ist

  • -Aktualisiert am
          15 Min.

          Entscheidungen sind das Ergebnis von Abwägungsprozessen, an denen jeweils eine Vielzahl unbewußter und bewußter Motive mitwirken. Diese legen gemeinsam das Ergebnis fest, sind jedoch in ihrer Gesamtheit kaum zu erfassen, weder vom entscheidenden Ich noch vom außenstehenden Beobachter. Hirnforscher behaupten, daß Entscheidungen vom Gehirn getroffen werden, also auf neuronalen Prozessen beruhen. Sie müssen deshalb erklären, wie das Wissen neuronal repräsentiert ist, auf dem Entscheidungen beruhen, wie sich die Motive für Entscheidungen im Nervensystem manifestieren, , wie die Abwägungsprozesse organisiert sind, wie das wollende und entscheidende „Ich“ sich konstituiert und schließlich, welches die Konsequenzen der Antworten für unser Selbstverständnis und die Beurteilung von Fehlentscheidungen sind.

          Die Gewißheit, daß unser Wollen und Entscheiden auf neuronalen Vorgängen im Gehirn beruht, verdankt sich der Konvergenz mehrerer, unabhängiger Beobachtungen. Eine Argumentationslinie stützt sich auf die evolutionsbiologische Evidenz einer engen Korrelation zwischen dem Differenziertheitsgrad von Gehirnen und ihren kognitiven Leistungen. Die Verhaltensleistungen einfacher Organismen lassen sich lückenlos auf die neuronalen Vorgänge in den respektiven Nervensystemen zurückführen. Da die Evolution sehr konservativ mit Erfindungen umgeht, unterscheiden sich einfache und hochdifferenzierte Gehirne im wesentlichen nur durch die Zahl der Nervenzellen und die Komplexität der Vernetzung. Daraus folgt, daß auch die komplexen kognitiven Funktionen des Menschen auf neuronalen Prozessen beruhen müssen, die nach den gleichen Prinzipien organisiert sind wie wir sie von tierischen Gehirnen kennen.

          Entwicklungsbiologische Argumente

          Zur gleichen Schlußfolgerung zwingen entwicklungsbiologische Argumente: Die Ausdifferenzierung von Hirnstrukturen in der Individualentwicklung geht Hand in Hand mit der Ausbildung immer komplexerer kognitiver Fähigkeiten. Dies gilt auch für die mentalen Leistungen, die den Menschen auszeichnen. Schritt für Schritt erwirbt das Kind die Fähigkeit, sich einer symbolbasierten Sprache zu bedienen, logische Operationen höherer Ordnung auszuführen, ein Ich-Bewußtsein auszubilden und, sich dadurch seiner selbst als autonomem Agenten gewahr zu werden. Mit der Ausreifung von Strukturen im Frontalhirn einher geht dann die Gabe, eine Theorie des Geistes zu entwickeln, d. h. sich vorstellen zu können, was der je andere denkt oder fühlt, und der Erwerb hochdifferenzierter sozialer Kompetenzen. Soweit es nur um diese operationalisierbaren kognitiven Funktionen geht, erscheint deren neuronale Bedingtheit also zwingend. Aber wie verhält es sich mit der Repräsentation sozialer Realitäten, den Glaubens- und Wertesystemen, die ihr In-die-Welt-kommen der schöpferischen Leistung sozialer Systeme verdanken. Finden auch diese ihren Niederschlag in den neuronalen Prozessen einzelner Gehirne?

          Wie Wissen in den Kopf kommt

          Weitere Themen

          Kann man eine Kindheit nachholen?

          Das Mädchen von Attendorn : Kann man eine Kindheit nachholen?

          Vermutlich weil sie sich das Sorgerecht nicht mit ihrem Ex-Freund teilen wollte, schirmte eine Mutter in Attendorn ihre Tochter komplett von der Außenwelt ab. Welche Chancen gibt es für das Kind, Verpasstes aufzuholen und Traumatisches hinter sich zu lassen?

          Topmeldungen

          Ein Fallmanager wartet auf seine „Klientin“, wie in Hanau die Hartz-IV-Empfänger genannt werden. Sie wird nicht kommen.

          Die Arbeit der Jobcenter : Ohne Strafen geht es nicht

          Die Ampel hat ein Hartz-IV-System fast ohne Sanktionen getestet. Zu den Terminen im Jobcenter in Hanau kommen seitdem deutlich weniger. Dort müssen sie die Folgen des Bürgergeld-Experiments auffangen.
          Proteste in Schanghai am 26. November

          Corona-Proteste in China : „Nieder mit Xi Jinping“

          Nach einem Hochhausbrand in Xinjiang demonstrieren Menschen in verschiedenen Teilen Chinas gegen die harsche Null-Covid-Strategie. Das Regime reagiert mit Härte und Zugeständnissen.
          Signal zur Wende: Die Europäische Zentralbank hat in diesem Jahr zum ersten Mal seit 2011 den Leitzins erhöht.

          Derivat oder Anleihe? : Wenn die hohen Zinsen locken

          Wegen steigender Marktzinsen und schwankender Aktienkurse geraten klassische Anleihen, aber auch kompliziertere Finanzprodukte in den Blick der Anleger. Wo sind die Haken – und was ist eigentlich eine Nachkaufanleihe?
          Endet die erste WM für Jamal Musiala schon nach der Vorrunde?

          WM-Prognose : Deutschland hat gegen Spanien ein Problem

          Nach dem Fehlstart gegen Japan muss die Nationalmannschaft besser gewinnen, um noch eine gute Chance aufs Achtelfinale zu haben. Doch die WM-Prognose zeigt, dass die Spanier vorne liegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.