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Hirnforschung : Das Abenteuer unseres Bewusstseins

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Irgendwo im Gehirn wurde also erkannt, was die Buchstabenfolgen bedeuteten, aber die Person war sich dessen nicht bewusst. Wir beobachteten, dass die Reize, die tatsächlich auch bewusst wurden, in der frühen Kodierungsphase, nach etwa 150 Millisekunden, zu einer hohen Synchronizität der oszillatorischen Aktivitätsmuster führten. Es bildete sich ein ausgedehntes Netzwerk von synchron schwingenden Neuronengruppen, das sehr viele zentrale Hirnbereiche umfasst. Wurden die Worte nicht bewusst verarbeitet, blieben die Oszillationen lokal und schlossen sich nicht zusammen.

Ein Faszinosum

Die Bedingung für Bewusstsein wäre demnach ein dynamischer Zustand von Netzwerken im Großhirn, der sich durch extreme Kohärenz ausdrückt. Nun scheint es, als würden Meditierende durch Fokussierung ihrer Aufmerksamkeit auf innere Prozesse solche Zustände gezielt herbeiführen, als hielten sie die Plattform des Bewusstseins in einem empfängnisbereiten Zustand. Zugleich versuchen sie, diesen Raum von konkreten Inhalten, vor allem von konfliktträchtigen Inhalten, frei zu halten.

Es wäre natürlich ein Faszinosum, wenn es möglich sein sollte, einen Zustand, der normalerweise bei der Herstellung eines bewussten Vorganges erzeugt wird, aufrechtzuerhalten, aber gleichzeitig von Inhalten zu entleeren.

Es herrscht Harmonie

Meine spekulative Erklärung dessen, was da möglicherweise geschieht, hat etwas mit dem neuronalen Korrelat von Lösungen zu tun. Das Gehirn verarbeitet ständig Informationen und ist zugleich auf der Suche nach Lösungen. Es muss aber die Rechenprozesse von den Ergebnissen trennen; erst wenn die Netzwerke zu Lösungen gefunden haben, darf gelernt werden, darf sich das System verändern. Was die neuronale Signatur dieser Lösungen ist, weiß im Moment niemand. Eine nicht ganz abwegige Hypothese ist, dass sich Lösungen dadurch auszeichnen, dass hinreichend viele Neuronen in hinreichend weit verteilten Regionen hinreichend lange synchron aktiv sind.

Lösungen finden tut gut, denn es wird nach dem Auffinden einer Lösung ein Signal an die Belohnungssysteme geschickt, die das Heureka-Gefühle erzeugen. Mein Verdacht ist, dass der zentralnervöse Zustand, den Meditierende herbeiführen, dem Zustand des Habens einer Lösung entspricht. Und das tut gut. Gleichzeitig werden die Inhalte, die im Bewusstsein aufscheinen, als passend empfunden. Es fügt sich alles zu allem, es herrscht Harmonie. Vielleicht gelingt es in der Meditation, die Belohnungszentren auf diese Weise zu aktivieren und das Gefühl von Stimmigkeit zu bekommen.

Willentliche Weltabgewandtheit

Im Grunde ist jeder erwachsene Mensch imstande, dieses Bewusstseinstraining anzuwenden. So wie man motorische Fertigkeiten lernen kann, lassen sich auch interne Zustände willentlich herbeiführen und durch Training stabilisieren. Aber es bedarf der Anleitung und erheblicher Selbstkontrolle und Disziplin, denn man muss versuchen, mit willentlicher Kontrolle hirninterne Prozesse in den Fokus der Aufmerksamkeit zu nehmen. Kinder sind hierzu noch nicht in der Lage.

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