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Himmler-Papiere : Geplatzte Sensation

Nichts Neues über Himmlers Tod Bild: AP

Dokumente aus dem britischen Staatsarchiv sollten belegen, daß Heinrich Himmler nicht Selbstmord begangen habe, sondern von den Briten ermordet worden sei. Jetzt wurden die Papiere als Fälschung entlarvt.

          Es war von Anfang an etwas faul an der Geschichte: Schon vor zwei Jahren sollen im britischen Staatsarchiv Dokumente entdeckt worden sein, die belegen, daß Heinrich Himmler nicht Selbstmord begangen habe, sondern von den Briten ermordet worden sei, um zu verhindern, daß der SS-Führer bei seiner Vernehmung durch die Amerikaner die Regierung Churchill mit Aussagen über geheime Friedensverhandlungen belaste, von denen Washington nichts gewußt habe.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Unter normalen Umständen würde ein derartig sensationeller Fund Schlagzeilen in aller Welt machen, zumal das Material Ende Mai in Martin Allens Buch „Himmler's Secret War“ publiziert wurde und einige Dokumente sogar mit den Archivnummern als Faksimile im Internet zugänglich sind. Aber die breite Öffentlichkeit erfuhr von der vermeintlichen Intrige des britischen Geheimdienstes erst, als der „Daily Telegraph“ am Wochenende die Dokumente als Fälschung entlarvte.

          Der kleine H.

          Die Umstände hätten jeden seriösen Historiker stutzig machen müssen. Die Unterschrift des britischen Informationsministers Brendan Bracken wirkt schon auf das ungeschulte Auge seltsam gestelzt, selbst wenn man weiß, daß dieser eine kindliche Schrift hatte. Auch die etwas flapsige Sprache scheint anachronistisch. Und es ist schwer zu glauben, daß mehrere Briefe, in denen hochgestellte Politiker und Diplomaten unverhohlen davon sprechen, daß Himmler „eliminiert“ werden müsse oder daß die Amerikaner unter keinen Umständen erfahren dürften, daß „,wir den kleinen H.'“ (im Unterschied zum „großen H.“, Hitler) „ausgerottet haben“, weil es „verheerende Auswirkungen auf das Ansehen unseres Landes haben würde“, einfach so in den Mappen liegen.

          Dokumente von dieser Brisanz pflegt die britische Regierung länger als üblich zu sperren - man denke nur an die Hess-Papiere, die erst 2017 geöffnet werden dürfen, was den Verdacht nährt, daß sie Informationen enthalten, welche die britische Seite in ein schlechtes Licht rücken könnten. Im Fall der Himmler-Geschichte hat ein Fälscher Dokumente in die Mappen des Staatsarchivs anscheinend mit der Absicht eingeschleust, die Regierung Churchill anzuschwärzen.

          Fragwürdige Korrespondenz

          In einem handschriftlichen Vermerk des Geheimdienstmanns Robert Bruce Lockart wird der Premierminister ausdrücklich in das Komplott miteinbezogen. Da steht unter der Entschlüsselung eines chiffrierten Telegramms, das den Vollzug der vermeintlichen Anweisung Londons meldet, Himmler in Lüneburg abzufangen und stillzulegen, bevor er verhört werden konnte, „Kopie an den Premierminister“ mit den Initialen R B-L. Bruce Lockart schrieb seinen Namen ohne Bindestrich, ein weiteres Indiz für die Fragwürdigkeit der Korrespondenz.

          Nachdem starke Zweifel an der Authentizität des Materials aufkamen, hat das Staatsarchiv die Papiere von der kriminaltechnischen Naturwissenschaftlerin Audrey Giles untersuchen lassen. Wie der „Telegraph“ meldet, konnte sie feststellen, daß der Briefkopf auf den fragwürdigen Bögen Brendan Brackens mit einem Laserdrucker jüngsten Datums hergestellt wurde, während er auf den echten Dokumenten hochgeprägt ist.

          Kontaminierte Akten

          Unter der Anrede und der Unterschrift Brackens konnte Audrey Giles zudem eine Bleistift-Vorzeichnung ausmachen. Auch fand sie Hinweise darauf, daß die Briefe Brackens und jener des Diplomaten John Wheeler-Bennett, in dem davon die Rede ist, daß „Schritte unternommen werden müssen“, um Himmler zu beseitigen, „sobald er in unsere Hände fällt“, auf ein und derselben Schreibmaschine getippt wurden. Das Staatsarchiv hat nun eine Untersuchung angeordnet, um festzustellen, wie es dazu kommen konnte, daß die Akten kontaminiert wurden.

          Bevor die Fälschung aufflog, fand die Nachricht über die angebliche Ermordung Himmlers bezeichnenderweise auf Internet-Seiten Interesse, die mit der extremen Rechten in Verbindung stehen und sich auf den diskreditierten Historiker David Irving berufen. Da wird von „revisionistischen Behauptungen“ gesprochen, welche die Darstellung „konformistischer Historiker“ widerlegten. Irving hat in seinen Äußerungen zu dem Material nicht den geringsten Zweifel an der Authentizität zu erkennen gegeben. Vielmehr fühlt er sich bestätigt. „Echte Historiker haben schon lange die konformistische Version des Todes Himmlers in Frage gestellt“, schrieb er am 9. Juni. „Britische Geheimdienstagenten haben heimlich und kriminell eine der meistgesuchten Figuren der Geschichte liquidiert... aus keinem anderen erkennbaren Grund, als um zu verbergen, daß Churchill gegen Ende des Krieges für einige Tage mit ihm über Friedensbedingungen verhandelt hatte.“

          Am Boden zerstört

          Martin Allen, Autor des Buches über Himmler und einer früheren, ebenfalls provozierenden Veröffentlichung über die Hess-Affäre, sagt, er sei am Boden zerstört, daß er dieser Fälschung aufgesessen sei. Eine für die vergangene Woche vorgesehene ZDF-Sendung mit dem Titel „Himmler - Totenkult und Rassenwahn“, in der die Dokumente berücksichtigt werden sollten, wurde in letzter Minute verschoben, um das Material eingehender prüfen zu können.

          Wie die Hitler-Tagebücher zeigt auch dieser Fall, daß die Gier nach Sensationen über die Nazi-Zeit unersättlich ist und Historiker leicht geblendet sind, wenn sie glauben, eine Enthüllung machen zu können. Bei der jetzt aufgeflogenen Fälschung scheinen allerdings finstere Motive im Spiel zu sein, die aufzudecken Aufgabe der Untersuchung sein wird.

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