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Katastrophe von Hillsborough : Am Ende aller Lügen

Die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit vereint auch über 25 Jahre nach dem Grauen von Hillsborough die Liverpooler Bevölkerung. Bild: AFP

Fast hundert Fußballfans starben 1989 im völlig überfüllten Stadion von Liverpool: Menschen erstickten am Zaun, die Polizei schaute weg. Jahrelange Vertuschung, Verdrehung und Vergeltung haben nun ein Ende.

          Das Nachspiel des Hillsborough-Unglücks von 1989 ist eine unwürdige Geschichte, die im Laufe der Jahre eine Kette von Entschuldigungen von Seiten der Polizei, der Politik und der Medien nach sich gezogen und den Verdacht einer Verschwörung des Establishments genährt hat. Im Kern dieser Geschichte liegt das Bedürfnis nach Vergeltung sowie die Neigung, die die Polizeibehörde von Süd-Yorkshire auf die Spitze trieb, die Schuld bei anderen zu suchen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Angehörigen der sechsundneunzig Menschen, viele davon aus Liverpool, die an jenem 15. April beim Halbfinalspiel zwischen Liverpool und Nottingham Forest um den Pokal des britischen Fußballvereins im Stadion des nordenglischen Sheffield zu Tode kamen, haben siebenundzwanzig Jahre lang für Gerechtigkeit gekämpft. So lange hat auch die nun wegen grober Nachlässigkeit verurteilte Polizei versucht, sich herauszureden, mitunter sogar mit unlauteren Methoden. Sie hat Tatsachen verdreht und vertuscht.

          Kein Zutritt für „Sun“-Journalisten

          Wie im Zuge der langen Wahrheitssuche zutage kam, hat sie die tödliche Fehlentscheidung, den Andrang der draußen verbliebenen Zuschauer durch die Öffnung eines Tores zu einem bereits überfüllten Zuschauerbereich zu öffnen, mit der Lüge verschlimmert, dass rüpelhafte Fans das Tor aufgesprengt hätten. Mit ihrer Unterstellung, dass betrunkene Liverpool-Anhänger mitschuldig gewesen seien an den Vorgängen, denen sie zum Opfer fielen, hat die Polizei zusätzliches Öl ins Feuer gegossen. Bei der Kampagne der Hinterbliebenen ging es auch um eine Ehrenrettung.

          Der Zorn auf das Boulevardblatt „The Sun“ sitzt bis heute so tief, dass Redakteure der Zeitung nach der Urteilsverkündung des Sondergerichts, das die Zuschauer von jeder Schuld entlastete, ausdrücklich von der Pressekonferenz der Angehörigen ausgeschlossen wurden. Ein Schild verkündete: „Kein Zutritt für ,Sun‘-Journalisten.“ Das Blatt hatte vier Tage nach dem Unglück die Aussagen der Ordnungskräfte für bare Münze genommen und unter der Überschrift „Die Wahrheit“ behauptet, dass Liverpool-Anhänger die „tapferen Bullen“ an der Mund-zu-Mund-Beatmung gehindert, die Opfer bestohlen und die Polizei und die Toten angepinkelt hätten.

          Canossagang nach Liverpool

          Fünf Jahre später gestand die Zeitung „den schlimmsten Fehler ihrer Geschichte“ ein. Der Makel aber haftet weiter an dem Sensationsblatt, in Liverpool wird es boykottiert. Und wie so oft in den öffentlichen Debatten des Landes wird ihr Verleger, Rupert Murdoch, als der böse Geist dargestellt, der seine Finger überall im Spiel habe. Als die „Sun“ und ihre Schwesterzeitung „The Times“ es jetzt versäumten, den Ausgang des Hillsborough-Verfahrens auf der ersten Seite zu melden, wetterte die Twitter-Gemeinde, dies offenbare Murdochs Einstellung zu Hillsborough. Die Sportredaktion der „Times“ soll derart empört über die erste Ausgabe gewesen sein, dass sie in einer Art Meuterei bei späteren Ausgaben unter dem Zeitungskopf einen großen Hinweis auf die Berichte im Innern des Blattes durchsetzte, auf dem stand: „Hillsborough: Endlich ein Ende der Verleumdungen und Lügen“. Die Zeitung räumte danach ein, einen Fehler gemacht zu haben.

          Damit reihte sie sich unter die zahlreichen Personen und Behörden ein, die Anlass hatten, sich im Zusammenhang mit der Tragödie zu entschuldigen. Dazu zählt auch der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der 2004, als er noch Chefredakteur des „Spectator“ war, einen Canossagang nach Liverpool machen musste, um sich für einen Leitartikel zu entschuldigen. Darin hatte die Wochenzeitschrift die Opferkultur der Liverpooler angeprangert und beklagt, dass die Stadt die Polizei zum Sündenbock und die „Sun“ zum Prügelknaben der Katastrophe von Hillsborough gemacht habe, anstatt die Rolle der betrunkenen Fans anzuerkennen, die damals versucht hätten, sich ins Stadion durchzukämpfen.

          Eine Behörde, die meinte, über dem Gesetz zu stehen

          Vermengt mit den Vertuschungsmanövern der Polizei und der noch ungeklärten Rolle der Freimauer, deren Einfluss auf Beförderungen und die Verbreitung von Unwahrheiten noch untersucht wird, haben die Äußerungen des konservativen Johnson und der Murdoch-Titel die Wahrnehmung verstärkt, dass das Establishment die Reihen geschlossen habe und sich der Underdog im Kampf um Gerechtigkeit gegen die Obrigkeit habe durchsetzen müssen. Der ursprünglichen Berichterstattung der „Sun“ lag die vor allem in konservativen Kreisen verbreitete Annahme zugrunde, dass die Polizei der Freund und Helfer sei. Eine Annahme, die auf der populären Fernsehserie „Dixon of Dock Green“ basiert, in der der Bobby als liebenswürdige Stütze der Gesellschaft präsentiert wird.

          Dieses Bild ist durch Korruptionsskandale und eklatante Versäumnisse ausgehöhlt worden. Hillsborough hat vorgeführt, wie eine Behörde, die meinte, über dem Gesetz zu stehen, die Sympathien für die vermeintlichen Verfechter von Recht und Ordnung missbraucht hat. Wie voreilig immer zum Klischee der Establishment-Verschwörung gegriffen wird - das Verhalten der Polizei in den Ermittlungen gegen prominente Figuren, die aufgrund von Aussagen eines sich inzwischen als unzuverlässig erwiesen habenden Informanten der Pädophilie beschuldigt wurden, ist ein Fiasko: Sie hat den wilden Vorstellungen eines Establishment-Ringes Vorschub geleistet. Jetzt wird sie selbst dem Establishment zugerechnet, gegen das sie anzugehen meinte.

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