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Hilferuf aus San Francisco : Wer hält Google auf?

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Vorteile für die wenigen

Noch etwas anderes sollten Sie über Silicon Valley wissen. Laut „Mother Jones“ wurden 89 Prozent der Unternehmen, die entscheidendes Startkapital erhielten, von Männern gegründet, 82 Prozent der Gründer sind Weiße (die restlichen 18 Prozent sind Asiaten), und für jeden Dollar, den ein Mann verdient, kommen Frauen lediglich auf 49 Cent. Spitzenmanagerinnen wie Sheryl Sandberg von Facebook fallen auf, weil sie nicht der Norm entsprechen - schwarze Schwäne in einem Teich mit lauter weißen Schwänen. Catherine Bracy, auf deren Untersuchungen sich der Bericht in „Mother Jones“ stützt, stellt fest: „Aktuelle Studien zeigen, dass die Vermögen in der IT-Branche extrem ungleich verteilt sind und Risikokapital zum allergrößten Teil an eine kleine, homogene Elite geht.“

Das macht sich in San Francisco bemerkbar. Der Autor des Pando-Beitrags hält uns vor: „San Francisco könnte eine Weltmetropole werden. Dazu muss die Stadt jedoch über sich selbst hinwegkommen.“ Vielleicht wollen wir aber keine Weltmetropole werden oder so wie New York und Tokio? Diese Mehr-ist-besser-Logik ist für die Kritiker unserer Stadt offenbar unabweisbar, aber ihr Mehr geht mit vielen Verlusten einher - es gibt weniger Vielfalt, weniger Erschwingliches, weniger Kultur, weniger Kontinuität, weniger Gemeinschaft, weniger Einkommensgerechtigkeit. Was in diesen Berechnungen als Vorteil bezeichnet wird, ist nur für die wenigen, für viele bedeutet es Verarmung.

Ihnen gehört alles

Wenn Google für die globale Bedrohung durch das Silicon Valley steht und Zuckerberg für die Verkommenheit der Branche, dann dürfte Larry Ellison, der Chef von Oracle, für ihre Rücksichtslosigkeit stehen. Der fünftreichste Mann der Welt gab vor einigen Jahren Abermillionen Dollar aus, um den America’s Cup zu gewinnen. Der Sieger darf nämlich den Ort der nächsten Regatta und den Bootstyp bestimmen. Für diesen Sommer entschied sich Ellison also für die San Francisco Bay und einen riesigen Katamaran, der ziemlich instabil aussieht. Im Mai ertrank ein britischer Olympiasieger beim Training in der San Francisco Bay. Ellison hat natürlich auch überlegt, wie er der Stadt San Francisco einen Großteil der Kosten aufbürden kann, und in diesem Zusammenhang ein paar Dutzend kleine Geschäftsleute auf die Straße setzen lassen; aber letztlich hat ihm die Stadt doch nicht den wertvollen Küstenabschnitt überlassen, den er unbedingt haben wollte.

Und das ist San Francisco heute: ein Ort, an dem man die weltweit mächtigsten Unternehmen und ihre Chefs besonders gut beobachten kann. Wir wissen also, was Sie womöglich noch nicht wissen: Diese Unternehmen sind nicht Ihre Freunde, und ihre Sicht ist nicht die Ihre, aber Ihre Daten gehören ihnen, und ihnen gehört alles, was Sie im Netz von sich preisgeben. Sie sind im Begriff, ein Arm oder Teilhaber des Staates, wenn nicht eine völlig unkontrollierbare Macht zu werden. Und bislang hat niemand eine Idee, wie wir das verhindern können.

Zur Autorin

Rebecca Solnit, 1961 geborene kalifornische Essayistin, berechnet seit vielen Jahren mit großer Klarsicht die sozialen und politischen Kosten des Internetbooms, der nur wenige reich macht. Dazu hat sie einfach beobachtet, wie sich das Leben in San Francisco verändert hat. Sie beschreibt die krasse Machtverschiebung zuungunsten der arbeitenden Mittelklassen und die Entstehung einer Oberschicht der unkontrollierten Kontrolleure. Auf Deutsch liegt ihr Buch „Wanderlust“ vor, über „die Kunst, sich zu verlieren“ (Pendo 2009).

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