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Comicbibliothek vor dem Aus : Rettet Renate!

Die einzige öffentliche deutsche Comicbibliothek, der viele heute berühmte Zeichner ihre Prägung verdanken, steht vor der Schließung. Jetzt ist, wie schon bei der Gründung, Phantasie gefragt.

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          Heute Abend um acht ist Stammtisch bei Renate. Natürlich Stammtisch nicht wie angestammt, sondern virtuell, die Gäste sind zugeschaltet. Denn die Gastgeberin ist nur eingeschränkt besuchsfähig in diesen kranken Zeiten. Renate ist zwar erst knappe dreißig, aber von Geburt an existenzbedroht gewesen. Dabei ist sie unbedingt erhaltenswürdig, denn Renate ist ein Unikum: die einzige öffentliche deutsche Comicbibliothek, angesiedelt in der Tucholskystraße mitten in Berlin, also beste, aber mittlerweile auch teuerste Lage.

          Vor Mieterhöhungen schützt ein noch etliche Jahre laufender Mietvertrag, aber auch vergleichsweise niedrige Zahlungen wollen verdient sein, und zwar mit dem Renate-Laden, in dem man allerhand Comics und Artverwandtes kaufen kann. Nur hat der in Pandemiezeiten kürzere Öffnungszeiten und weniger Laufkundschaft, also droht in zwei Monaten das Aus, wie die Betreiber von Renate jetzt haben wissen lassen.

          Spezielle Spezialbibliothek

          Einer von ihnen, Peter „Auge“ Lorenz, Renate-Mann der anderthalbten Stunde, aber mittlerweile dienstältester Mitstreiter, nennt seinen Arbeitsplatz zu Recht eine „spezielle Spezialbibliothek“. Denn sie entstand aus einem Buch heraus: „Renate“ war der Name einer Publikation des Ost-Berliner Untergrunds, gegründet in einer NVA-Kaserne der unmittelbaren Vorwendezeit von den beiden dort Armeedienst ableistenden Comiczeichnern Peter Bauer und Georg Barber (alias Atak). Der Name sollte bekannte Frauenmagazine wie „Brigitte“ oder „Marie Claire“ veralbern, der Inhalt aber den Comic ernst nehmen. Aus Lesern wurden Gesprächspartner und Mitzeichner, man traf sich bald wöchentlich und gründete einen Club, der sich durch zahlreiche Bücherspenden zur Comicbibliothek mauserte, die 1994 ihren seitherigen Platz fand: Der Untergrund zog ins Erdgeschoss der Tucholskystraße.

          Erklärtes Ziel war die „Schwiegermutterisierung“ des Comics, wie „Auge“ Lorenz es nennt: Wer schon Renate heißt, soll den Kontakt zu einer Generation herstellen, die nicht mit Comics groß geworden ist. Dass dann doch vor allem junge Leute das Angebot von derzeit fast 20.000 Titeln nutzten und Renate ein Hotspot der Berliner Comicszene geworden ist – Größen wie Mawil, Reinhard Kleist, Ulli Lust, Elke Steiner, Max Andersson, OL, Stefan Katz, Jim Avignon, Isabel Kreitz oder Andreas Michalke haben hier frühe Schritte gemacht, heute Abend ist Uli Oesterle aus München zugeschalteter Ehrengast beim monatlichen Stammtisch –, hat ihrer Reputation nicht geschadet, im Gegenteil, mittlerweile ist sogar der Hauptstadtkulturfonds unter den Förderern.

          Doch das reicht nicht. Wenn Berlins Comicszene nicht zum Witwer werden soll, ist mehr als Schwiegermutterisieren angesagt: Renate muss vergroßmuttert werden, fitgemacht für ein hohes Alter. Prioritätengruppe 1 im kulturellen Sektor. Der Name des erwünschten Impfstoffes lautet Geld.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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