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Hildburghausen und Corona : New York kann warten

Hildburghausen im November Bild: Picture-Alliance

Es ist nicht lange her, da nannte man die beiden Städte in einem Atemzug: Was hat das derzeit gebeutelte Hildburghausen mit der amerikanischen Metropole zu tun?

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          Dass Hildburghausen ausgerechnet jetzt in den Schlagzeilen ist, kann man nachvollziehen – mit mehr als 600 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen führt der Landkreis um die südthüringische Stadt die deutsche Corona-Liste an, gefolgt in weitem Abstand von der Stadt Passau mit einem Inzidenzwert von 440. Und während der Stadt mit den drei Flüssen nun strenge Ausgangsbeschränkungen und ein Alkoholverbot im bald verwaisten öffentlichen Raum drohen, dringen aus Hildburghausen unschöne Nachrichten von maskenlosen Demonstranten und einem im Netz bedrohten und geschmähten Landrat zu uns, der deshalb unter Polizeischutz steht.

          Milchmuseum, Dunkelgräfin

          Aber dennoch: die Stadt trug einmal ein anderes, weltläufiges Gesicht, und als man sie in einem Atemzug mit New York nannte, verdankte sie das keinen Krankenzahlen, sondern einem Unternehmen von europaweiter Strahlkraft, das die beiden Städte als Verlagsort nannte: Meyers bibliographisches Institut, gegründet in Gotha, bald umgezogen in die stolze Residenzstadt Hildburghausen, flutete den Buchhandel mit hundertbändigen Klassikerausgaben, mit dem berühmten Lexikon und mit der zauberhaft illustrierten Reihe „Meyers Universum oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst der ganzen Erde“ – im Impressum stand „Hildburghausen und New York“, und die Reihenfolge zeugt von einigem thüringischen Selbstbewusstsein.

          Nach dem Wegzug des Verlags Richtung Leipzig blieb noch ein Schloss (das die Nachkriegszeit leider nicht überstand), die Lokallegende der „Dunkelgräfin“, angeblich ein der Guillotine entkommenes Mitglied des französischen Königshauses, ein schöner Park, ein Theaterbau aus dem achtzehnten Jahrhundert – es heißt, dass der Herzog selbst seine Untertanen auf den Feldern einsammelte und ins Theater schleppte, um den fatalen Eindruck leerer Ränge zu vermeiden, was sich als Problem heute so nicht stellt – und noch ein reizendes Milchmuseum (geöffnet Mittwoch bis Samstag, 13 bis 16.30 Uhr, normalerweise).

          Dass Hildburghausens Produkte noch in die Welt hinaus strömen, kann man nicht sagen, und dass die Verleger der Stadt die große Welt in Wort und Bild so wirkungsvoll einfangen wie damals der brave Verleger Meyer, wohl auch nicht. Überhaupt haben wir schon mal mehr Welt erlebt als gerade jetzt. Auch in dieser Hinsicht ist Geduld gefragt, und wer sich unbedingt die Zeit vertreiben muss, der kann ja Pläne schmieden. Es wäre jedenfalls kein schlechter Vorsatz: Wenn all das einmal vorbei ist und man sich vielleicht schon langsam fragt, was das denn war, dieser Inzidenzwert, dann sollte man endlich Hildburghausen besuchen. New York kann warten.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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