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Hessens Filmförderchef Mendig : AfD-Buzzer

Sorgt mit seinem Treffen mit AfD-Mann Meuthen für Kritik: Hans Joachim Mendig, Chef der hessischen Filmförderung Bild: Wonge Bergmann

Ein Treffen mit einem AfD-Politiker hat gereicht, um den Chef der Hessen-Film, Hans Joachim Mendig, loszuwerden. Der Vorgang wurde skandalisiert, die Filmbranche stand auf. Die Frage ist, wer am Ende dumm dasteht.

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          Debatten werden im Zeitalter der Moralmeuten im Netz nicht mehr geführt, sie funktionieren auf schlüsselreizbewehrten Knopfdruck wie in der Spielshow. Betätigt jemand den AfD-Buzzer, ist die Runde vorbei. Der Kandidat fliegt raus.

          So ist es jetzt dem Chef der hessischen Filmförderung, Hans Joachim Mendig, ergangen. Er hatte sich im Juli dieses Jahres privat mit dem PR-Berater Moritz Hunzinger und dem AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen getroffen. Auf einem Bild sind die drei bei einem Restaurantbesuch in Frankfurt zu sehen. Meuthen postete das Bild und versah es mit dem Kommentar, das sei ein „sehr angeregter und konstruktiver politischer Gedankenaustausch“ gewesen.

          So gab er eine Vorlage, die in einen Versenkungstreffer zu verwandeln ein Leichtes ist. Das Bild konnte sogar knapp zwei Monate lang – Sommerpause – liegen bleiben. Sobald es zirkulierte, war klar: alea iacta est.

          Die Horrorvorstellung, die 550 Filmschaffende auf Zuruf in einer Unterschriftenaktion verbreiteten, lautete: Die AfD nimmt Einfluss auf die Filmförderung in Hessen, der Förderchef persönlich sorgt dafür, also muss er gehen, eine Zusammenarbeit mit ihm kann es nicht geben. So sagten es dann auch Filmkreative aus Hessen und unterschwellig in einem offenen Brief die Mitarbeiter der Hessen-Film.

          Was aus einer solchen Konstellation entsteht, nennt man, wenn sich auch sonst nichts finden lässt, in Politik und Kultur „möglicher Imageschaden“. Den wusste die grüne Kunstministerin Angela Dorn zu beseitigen. Per einstimmigem Beschluss im Aufsichtsrat der Hessen-Film wurde Mendig die Tür gewiesen.

          Die Ministerin, seit acht Monaten im Amt, hat ihren ersten Skalp. Die Filmszene hat ihr Mütchen gekühlt. Und die AfD hat den abermaligen symptomatischen Beweis für das vergiftete „politische Klima in Deutschland“ (Jörg Meuthen), den sie wollte.

          Derart zwischen die Mühlsteine zu geraten, hätte Hans Joachim Mendig vielleicht abwenden können, wäre er auf Distanz zu Meuthens politischer Instrumentalisierung gegangen und hätte es nicht dabei belassen, das Dreiertreffen der Kunstministerin gegenüber als rein privates Beisammensein auszuweisen. Das war nicht sehr clever. Doch wer Mendig kennt, weiß, Selbstkritik-Bußübungen, wie sie im real existierenden Sozialismus üblich waren, sind ihm zuwider. Er dürfte aber vor allem registriert haben, dass dies für viele die Gelegenheit war, alte Rechnungen zu begleichen. Die halbe Branche droht, eine marginale, regionale, staatliche Förderung von elf Millionen Euro pro Jahr zu „boykottieren“ oder schon geförderte Filmarbeiten zu stoppen, wenn er nicht geht – das ist ziemlich aussichtslos.

          Sich von einem Filmförderchef zu trennen, den man für nicht geeignet hält, ist das eine. Wenn man ihn als AfD-Kumpan und ressentimentgetrieben sieht, möge man dies benennen. Einfach den AfD-Buzzer betätigen, reicht nicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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