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Kommentar zum Wahlkampf : Milde säuseln in der Mitte

  • -Aktualisiert am

Alles bestens, oder? Wahlkampf-Gummibärchen à la Bouffier Bild: dpa

Das, was einem zurzeit auf Wahlplakaten in Hessen angeboten wird, wirkt friedfertig und bräsig. Wird Antiautoritarismus inzwischen so verstanden, dass man sich nicht einmal mehr vom politischen Gegner abgrenzt?

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          In sechs Wochen sind Wahlen in Hessen. Der Kampf um die Stimmen hat begonnen. Sagt man. In Wahrheit wirkt das, was einem da auf den wieder ziemlich hochgehängten Wahlplakaten angeboten wird, so friedfertig und bräsig wie ein altes Alpaka im Streichelzoo. „Hessen ist spitze – das haben wir gemeinsam erreicht“ lautet die beruhigende Nachricht des Landesvaters Bouffier. Zumindest bei uns im Land haben wir den Auftrag der Kanzlerin mustergültig erfüllt, so die Botschaft, hier haben wir alles geschafft, nichts kann uns mehr fehlen. Der Passivitätszug, von dem Passanten vor CDU-Plakaten ergriffen werden, ist stark. Eigentlich ist das kein Wahlaufruf, sondern eine Wahlentlastung: Alles ist gut und stark so, man muss sich um nichts weiter kümmern.

          Das ganze Gegenteil soll die Bildsprache bei der SPD ausdrücken: Hier sieht man „TSG“ in Aktion, nicht als „Verschrotter“ (Renzi) oder als „Turboreformator“ (Macron), sondern als freundlicher Lastenträger von nebenan will Spitzenkandidat Thorsten Schäfer Gümbel gesehen werden: Wie er einer jungen Mutter den Kinderwagen in den Bus hebt, umringt von clearasilsauberen Schülergesichtern an einem Roboterarm herumdrückt oder im Karohemd zusammen mit einem Lehrling einen Holzbalken durch die Gegend trägt. Allen Ernstes: einen Balken. Um ja keinen Splitter in den Finger oder gar ins Auge zu bekommen, hat „TSG“ sich ein Paar Multifunktionshandschuhe angezogen. Die Sicherheit geht vor der Seltenheit (so einst der kluge Karl Valentin) – nur noch so soll „Zukunft jetzt“ machbar sein.

          Slogan der amtierenden Macht

          Die hessische FDP schlägt die Bundespartei in ihrer Datingportal-Ästhetik noch mal um Längen: Herr Rock mit graumeliertem Dreitagebart, blitzenden Augen und offenem Hemd meint, dass „Erfolg kein Privileg“ sei und Hessen also eine „nächste Stufe“ brauche – wohin auch immer. Linkspartei und AfD erscheinen mit den gewohnt grellen Themenfarben: Rot-Weiß im Sinne eines „Mehr für die Mehrheit“ und blau-weiß grundierte Scientology-Motivbilder als Schutzversprechen für die heile inländische Familienwelt.

          Dem Wahlkampf-Fass endgültig den Boden schlagen aber die Grünen aus: Sie, die einmal als Fundamentalopposition gestartet waren, werben heute unverhohlen mit einem – marginal adjustierten – Slogan der amtierenden Macht: „Für ein Land, in dem wir gut und gerne lieben“ steht da einem gleichgeschlechtlichen Pärchen auf die Brust geschrieben. Samt dem Untertitel: „Vernunft gestaltet geiler“. So stellen sich biedere Eltern wohl die krasse Jugendsprache ihrer Kinder vor. Kennt denn die Peinlichkeit keinerlei Grenzen mehr? Wird Antiautoritarismus inzwischen so verstanden, dass man sich nicht einmal mehr vom politischen Gegner abgrenzt, sondern ihn harmoniesüchtig zu umarmen versucht? Mit Worten, die geborgt und gefälscht sind? In jedem Fall scheint das alte Wort vom „Kampf“ nicht mehr zu dem Vorgang zu passen, mit dem heute vor Wahlen um Stimmen geworben wird. Je rabiater an den Rändern gebrüllt, desto milder wird in der Mitte gesäuselt. Das kann nicht gutgehen.

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