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Herta Müller über Liao Yiwu : Es ist ein großes Glück, dass er in Deutschland ist

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Seelenverwandt: Liao Yiwu mit Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller Bild: dpa

Liao Yiwu hat den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Herta Müller erklärt, was die poetische Kraft seiner Bücher ausmacht und warum Ai Weiwei das Internet überschätzt.

          Frau Müller, noch in China hat Liao Yiwu Ihre Bücher „Herztier“ und „Atemschaukel“ gelesen und Ihnen ein Lied gewidmet. Sie waren die Schriftstellerin, deren Bekanntschaft er hier in Deutschland gleich als Erstes machen wollte. Wie ist Ihnen Liao Yiwu erstmals begegnet - lesend oder persönlich?

          Liao Yiwu hatte siebzehnmal vergeblich versucht, eine Reiseerlaubnis zu bekommen. Als er überraschend 2010 nach Deutschland reisen durfte, wollte er mich unbedingt sehen, und sein deutscher Verlag hat ein Treffen arrangiert. Er erzählte von seiner Haft und sagte mir, dass er keine Literatur schreibe, sondern dokumentarische Bücher. Schon bei dieser ersten Begegnung hat er mich als Person sehr beeindruckt, mit seiner Herzlichkeit und seiner Bescheidenheit.

          Liao Yiwu hat Sie als „Seelenverwandte“ bezeichnet. Was verbindet Sie beide besonders? Die Erfahrung des Lebens in der Diktatur, der Prozess des Schreibens darüber, das tiefe Verständnis, was erzwungene Heimatlosigkeit bedeutet?

          Ich freue mich sehr, dass die Sympathie gegenseitig ist - das ist ja nicht selbstverständlich. Sicher verbinden uns auch Erfahrungen. Aber was mir passiert ist, kann man nicht mit dem vergleichen, was er ertragen musste. Und ich kam mit meiner deutschen Muttersprache nach Deutschland. Liao Yiwu versteht hier kein Wort. Das war ja auch der Grund, warum er nach der ersten Reise wieder nach China zurückkehrte. Ich wollte ihn damals schon überzeugen, lieber hierzubleiben. Er war auch unsicher, ob die Rückreise richtig ist. Beim Abschied hat er sehr geweint und geahnt, was ihn nach der Rückkehr erwartet. Aber doch gehofft, dass es nicht so kommt. Ich habe dann „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ gelesen, und mir stockte der Atem. Da erst habe ich begriffen, dass ich es nicht nur mit einem sehr angenehmen Menschen, sondern auch mit einem großen Autor zu tun habe.

          Sie haben Liao Yiwus Erfahrungsbericht „Für ein Lied und hundert Lieder“ mit Boris Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“ verglichen, was die Entstehungsgeschichte und den literarischen Rang angeht. Was macht seine Bücher für Sie aus?

          Die Wahrhaftigkeit, die Mischung aus poetischer Kraft und dokumentarischer Klarheit. Dazu kommt die innere Dringlichkeit, diese verzweifelte Ironie und freche Melancholie, die einhergehen mit dem Willen, Zeugnis abzulegen. Ich habe „Für ein Lied und hundert Lieder“, das Buch über seine vier Jahre im Gefängnis, mit Pasternak verglichen, weil Liao Yiwu genau wie er alles riskiert hat, um das Buch im Westen zu veröffentlichen. Das Manuskript wurde ihm ja dreimal konfisziert, und er hat es immer wieder von null auf geschrieben. Der chinesische Geheimdienst hat ihm unmissverständlich gesagt, dass er diesmal für mehr als vier Jahre hinter Gittern kommen werde, wenn das Buch im Westen erscheint. Und es wäre auch so gekommen, wenn ihm nicht die Flucht gelungen wäre. Diese Vorstellung ist schrecklich. Wenn man weiß, dass er schon während der ersten Haftzeit zwei Suizidversuche unternommen hatte, muss man zweifeln, ob er das überlebt hätte. Es ist ein ganz großes Glück, dass er hier in Deutschland ist.

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