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Zu Besuch bei Henda Ayari : Die Frau, die nein sagte

Beim Skypen gab sie Ramadan ihre Telefonnummer. Er lud sie in sein Hotel ein, wo es zur mutmaßlichen Vergewaltigung kam. „Ich bewunderte ihn, ich war geehrt. Nie in meinem Leben hätte ich mir vorstellen können, was dann passierte.“ Dass Henda Ayari auch danach den Kontakt mit ihm gesucht hatte, enthüllten ihre Anwälte auf einer Pressekonferenz noch vor der Veröffentlichung einzelner Facebook-Auszüge durch Ramadan.

Henda Ayari hatte durchaus daran gedacht, zur Polizei zu gehen. Vertraute ermunterten sie dazu. Schuldgefühle hielten sie davon ab: „Es war mein Fehler, der Einladung zu folgen. In sein Zimmer zu gehen. Und wie auch immer, niemand würde mir glauben.“ Sie gab auf, als Ramadan drohte, „dass meinen Kindern etwas geschehen werde“, sie lebten seit kurzem wieder bei ihr.

Sie nahm sie mit zur Demonstration „Je suis Charlie“ in Rouen. Die Bilder vom Attentat auf die Satirezeitschrift wühlten sie auf: „Mein Ex-Mann freut sich jetzt. Erstmals wurde mir bewusst, was die Ideen der Fanatiker bewirken können.“ Und gleichzeitig der Einwand: „War es nicht falsch, diese Karikaturen zu veröffentlichen? Sie haben gläubige Menschen, sie haben uns Muslime verletzt.“

An ihrem Glauben hat sie festgehalten

Zum endgültigen Bruch führten die Anschläge im November 2015: „An diesem Tag begriff ich den tödlichen Hass.“ Die Muslimin verkündete der Welt ihre Abkehr vom Salafismus mit der Ästhetik einer Diät- oder Haarmittelwerbung: vorher – nachher. Auf Facebook zeigte sie sich mit und ohne Schleier. Bis dahin hatte sie in den sozialen Netzwerken ein paar Freunde, für die sie manchmal ein Gedicht schrieb. Die Zahl ihrer Follower explodierte. Es meldeten sich Journalisten, das Fernsehen. Das ganze Land sah die Fotos. Das Echo war umso gewaltiger, als es sich um eine ebenso spektakuläre wie einmalige Reaktion einer Muslimin auf die Attentate handelte. 2016 erschien Henda Ayaris Buch „J’ai choisi d’être libre“ (Flammarion), gerade kam das Taschenbuch heraus.

Sie erzählt darin auch die Geschichte ihrer Vergewaltigung. Den Täter nennt sie „Zoubeyr“, er sperrte sie auf Facebook. In Rouen gründete sie die Vereinigung „Libératrices“, Befreierinnen, die muslimischen Frauen hilft. Der 18 Jahre alte Sohn hat mit ihr gebrochen, die beiden jüngeren Kinder sind auf ihrer Seite. An ihrem Glauben hat sie in der ganzen Zeit festgehalten: „Gezweifelt habe ich an den Menschen. Mein Glaube ist unerschütterlich. Von allen Zwängen wie dem Gebet zur richtigen Zeit habe ich mich befreit. Ich habe mehr Vertrauen in mich und in Gott. Ich fürchte ihn nicht mehr. Wenn ich bete oder faste, tue ich es nicht aus Angst vor ihm, sondern aus Liebe. Mit den anderen Religionen lebe ich in Frieden.“

Vor Zweifeln und Rückschlägen bleibt sie nicht gefeit: „Ich bin müde, demoralisiert, erschöpft und sooo enttäuscht“ beginnt ein langer Eintrag auf Facebook im September. Sie beklagt die mangelnde Unterstützung für „Libératrices“ und rechnet mit den Politikern ab. „Ich habe immer mehr den Eindruck, dass das alles überhaupt nichts nützt.“ Auftritte in Lyon und Nizza sagt sie ab.

Einen Monat später sitzt Henda Ayari zu Hause vor dem Fernseher. In der „Tagesschau“ gibt es Interviews mit amerikanischen und französischen Schauspielerinnen, die von ihren Erfahrungen mit Harvey Weinstein berichten. Sie fordern alle Frauen auf, das Schweigen zu brechen. Am nächsten Morgen fährt Henda Ayari den Computer hoch und gibt bekannt: Der Mann, der mich vergewaltigt hat, ist Tariq Ramadan.

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