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Zu Besuch bei Henda Ayari : Die Frau, die nein sagte

„Die Männer waren perverse Monster“

Henda Ayari kommt etwas später, sie hatte Probleme bei der Parkplatzsuche. Während des Gesprächs sitzt sie zwischen Haddad und Leclerc, die mit ihren Smartphones beschäftigt sind. Wir trinken Kaffee, sie will nichts. Sie erzählt von ihrer Kindheit. „Als ich neun Jahre alt war, versuchte ein Cousin, mich zu vergewaltigen. Danach wurde ich von meiner Mutter dauernd beschimpft. Ich hätte ihn provoziert, es wäre meine Schuld. Man drohte mir mit dem Tod, falls ich meine Jungfräulichkeit vor der Ehe verlieren sollte.“ Die Familie zerbrach, die Mutter kehrte nach Tunesien zurück. Als Henda sie im Sommer 1997 besuchte, „wurde ich eingesperrt, man nahm mir den Pass und das Flugticket weg und präsentierte mir einen Mann, den ich heiraten sollte. Ich weigerte mich und konnte fliehen.“

Tariq Ramadan im November auf der „Biennale Democrazia“ in Turin

Sie begann ein Jura-Studium. Die junge Frau entschied sich dafür, die Vorlesungen nur verschleiert zu besuchen: „In meiner Familie trug praktisch niemand den Schleier, auch meine Mutter nicht. Es war meine Art, mich zu unterscheiden. Ich befand mich auf der Suche nach einer Identität. Meine ganze Kindheit war von der panischen Angst geprägt, dass mich ein Mann vergewaltigen würde. Die Männer waren perverse Monster. Der Schleier war ein Mittel, mich vor ihnen zu schützen.“

Anti-alles, was nicht islamisch ist

Im Sommer danach reiste sie abermals nach Tunesien. „Mit dem Schleier konnte ich meiner Mutter zeigen, dass ich ein gutes Mädchen bin. Ich brachte ein ärztliches Attest mit, das meine Jungfräulichkeit bestätigte.“ Henda wurde mit einem Salafisten verheiratet, der ihr verbot, Fernsehen zu schauen und mit Männern zu reden. „Ich schlief, ich aß, ich sprach als Salafistin.“ Zehn Jahre lang.

„Waren Sie, als Sie Salafistin waren, Antisemitin?

„Wollen Sie die Wahrheit wissen?“

„Ja.“

„Ja.“

„Das ist Teil des Salafismus?“

„Ich war nicht nur antisemitisch. Ich war anti-alles, was nicht islamisch ist. Alle Nichtmuslime sind Feinde. Wirkliche Feinde. Ich wollte nicht mit ihnen reden, nichts mit ihnen zu tun haben, mich nicht mit ihnen vermischen. Nichtmuslime sind der Abschaum der Menschheit. Franzosen, Atheisten, Katholiken waren Abfall. In die Hölle mit ihnen. Wir sind die Geretteten und Auserwählten Gottes. Wer sich mit Nichtmuslimen einlässt, fährt mit ihnen zur Hölle. Der Salafismus lehrt uns den Hass. Mein Mann zwang mich, die Namen der salafistischen Gelehrten und Heiligen auswendig zu lernen. Jahrelang habe ich so gelebt und war dabei, diesen Hass meinen Kindern beizubringen. Bei den Salafisten ist es die Aufgabe der Mutter, den Hass auf alle, die anders sind, und auf die Frauen zu vermitteln. Wenn sie keinen Schleier tragen, sind sie Huren. Man darf sie nicht anschauen. Mein Mann hatte es meinen unverschleierten Schwestern verboten, uns zu besuchen.“

Henda Ayaris Buch „Ich wählte die Freiheit“ erschien 2016 bei Flammarion.

Er schlug sie, sie lebten in Frankreich. Henda Ayari verließ ihren Mann, weil er nach Saudi-Arabien ziehen wollte. Allein in Rouen, verstoßen auch von der eigenen Familie. Wegen einer Depression wurde sie hospitalisiert. Ohne Einkommen und Wohnung verlor sie das Sorgerecht für die Kinder, denen der Vater zwei Jahre lang verbot, sie zu sehen und mit ihr zu telefonieren. Eine Sozialarbeiterin machte ihr klar, dass es fast unmöglich sei, mit dem Schleier Arbeit zu finden. Sie folgte dem Rat und bekam eine Anstellung im Justizministerium.

„Ich bewunderte ihn, ich war geehrt“

An Tariq Ramadan wandte sie sich nach der Scheidung mit der Frage, wie sie ohne Schleier und Gebet zur vorgeschriebenen Zeit eine gute Muslimin sein könne. Sie wollte sich in die französische Gesellschaft integrieren, er konnte ihr helfen. Sie kontaktierte Ramadan auf Facebook, regelmäßig schrieb er zurück: „Als ich ein Bild von mir auf Facebook postete, wurde ich von ihm gerügt: Sie sind geschminkt, Sie ziehen die Blicke der Männer an. Das ist eine Sünde. Wir diskutierten weiter, ich sagte mir, das kann nicht Ramadan persönlich sein. Zum Beweis kontaktierte er mich über Skype.“ Die Anwälte werden hellhörig: Die Frage, inwieweit der Wortlaut dieser Diskussion belegt werden könne, soll aus Rücksicht auf das Verfahren besser nicht beantwortet werden.

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