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Gartenschule : Befiehl den Früchten, voll zu sein

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Moltkes Gut Kreisau (polnisch: Krzysowa) bei Breslau ist heute eine internationale Jugendbegegnungsstätte. Bild: Picture-Alliance

Er war im Widerstand gegen die Nazis, im Januar 1945 wurde er ermordet. Aus seiner Gefängniszelle schrieb Helmuth James von Moltke seiner Frau Freya. In seinen Briefen ging es häufig um Garten und Bienen, Felder und Wald: Natur als Sehnsuchtsort.

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          „Wenn ich jetzt nachts aufwache, fallen mir plötzlich die blühenden Obstbäume ein.“ Helmuth James von Moltke dachte im Konzentrationslager Ravensbrück oft an Feld und Haus, an Wiesen und Gärten seines schlesischen Guts Kreisau. Am 19. Januar 1944 hatte die Gestapo den Urgroßneffen von Helmuth von Moltke, dem Chef des preußischen Generalstabs während der deutschen Einigungskriege, verhaftet. Er hatte kurz zuvor einen Freund vor der bevorstehenden Verhaftung gewarnt.

          Die Wochen und Monate verstrichen in der Haft, aber der Kontakt zu seiner Frau Freya riss nicht ab. Beide verband die Liebe zu Gartenpflege und Feldarbeit, zu Forstwirtschaft und Tierhaltung. Oft sahen beide sich in Gedanken gemeinsam über die Felder gehen. Auch hinter den Gefängnismauern versuchte der „Schutzhäftling“ das Leben im Rhythmus der Natur zu führen. Es war ein gutes Leben, das sich dort draußen abspielte: Im Frühling stellte Helmuth James sich den Garten vor, wie er aus dem Winterschlaf erwachte. Im Mai verzeichnete er heiße, schwüle und windstille Tage an den Eisheiligen und hoffte, dass die Baumblüte nicht durch einen Spätfrost geschädigt werde. Im Spätjahr sollten junge Christbäume eingeschlagen und den Bewohnern des Dorfes kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

          Gegen das „cäsaristische Regime“

          Helmuth James und seine Frau Freya hingen an ihrem Gutshof. Kurz nach seiner Verhaftung beschrieb er in einem langen Brief an seine beiden kleinen Söhne den Park des Schlosses, wie er ihn als Kind erlebt hatte. Dem vorderen Grün gaben Blumenrabatten Struktur; die Rasenflächen waren von runden Beeten in der Mitte aufgelockert. Die gelben, herrlich duftenden Maréchal-Niel-Rosen wuchsen zusammen mit Weintrauben in einem Glashaus, in dem im Winter auch die Topfpflanzen auf einem großen treppenartigen Gestell Platz hatten. Die beiden hinteren Gärten dienten dem Gemüseanbau; und aus einem Treibhaus kamen täglich frisches Gemüse und Blumen. Die Kinder bestellten eine eigene kleine Parzelle, deren Erträge sie an ihre Mutter Dorothy, die britischer Abstammung war, verkaufen durften. Der Park wiederum zog sich an dem kleinen Fluss Peile entlang, wurde durch Baumgruppen und Einzelbäume gegliedert und war mit Statuen nach antiken Vorbildern verziert.

          Helmuth James Graf von Moltke im Januar 1945 vor dem Volksgerichtshof in Berlin.
          Helmuth James Graf von Moltke im Januar 1945 vor dem Volksgerichtshof in Berlin. : Bild: Picture-Alliance

          Florale Pracht gab es zu jeder Jahreszeit; zweimal die Woche schmückten die Gärtner am frühen Morgen das ganze Haus mit neuen Topfpflanzen. Doch die Jahre, in denen man auf Kreisau unbeschwert den Alltag eines ostelbischen Junkers genießen und englische Lebensart zelebrieren konnte, waren schon lange vorbei. 1928 musste Helmuth James sein Jura-Studium unterbrechen, um das Gut, das sein Vater heruntergewirtschaftet hatte, wieder flottzumachen – ohne agrarwissenschaftliche Ausbildung oder landwirtschaftliche Lehre. Seit den dreißiger Jahren konnten sich die Moltkes den Unterhalt des Schlosses nicht länger leisten und wohnten etwas außerhalb in einem Einfamilienhaus.

          Trotz aller Fürsorge für den Familienbesitz entschied sich Helmuth James bewusst gegen einen dauerhaften Rückzug auf das Land: Er stand zur politischen Verantwortung des Bürgers. Nach 1933 wurde er zu einem scharfsichtigen und kompromisslosen Gegner des nationalsozialistischen Systems und scharte eine Widerstandsgruppe um sich, die sich in Kreisau konstituierte und nach dem Gut benannt wurde; gegen das „cäsaristische Regime“ Hitlers sollte die Idee eines vereinten Europas verteidigt werden, das auf den Werten des christlichen Humanismus aufbaute.

          Ein Blumengruß über die Mauern

          Angesichts der totalitären Bedrohung der Weltordnung war der Kreisauer Garten eine den Zeitläuften konträre Heterotopie, ein imaginierter Sehnsuchtsort, an den zurückzukehren Helmuth James für immer verwehrt blieb. Um so wichtiger waren Freyas Besuche und Briefe, denn mit ihnen fanden „Garten und Bienen, Felder und Wald“ Eingang in das Gefängnis. Freya schickte neben Seife und sauberer Wäsche regelmäßig nahrhaftes Gemüse aus dem eigenen Garten in das Lager. Salat, Gurken, Radieschen und Tomaten, aber auch ein Blumenstrauß überwand die Mauern. Anfang Mai war der Gefangene vom herben Geschmack eines Apfels so angetan, dass er einen stark wachsenden Wildling mit der Sorte, die sich offenbar hervorragend zum Lagern eignete, veredeln wollte. Zu Pfingsten erwartete er ungeduldig die Fliederblüte. Im Oktober schenkte der Garten seine letzten Blüten; Freya berichtete, dass sie dem ältesten Sohn aus Zinnien, Löwenmäulern und Tagetes einen Kranz geflochten hatte, und auf dem Geburtstagstisch stand „eine Vase mit den letzten schönen knallroten Geranien“.

          Der Garten, an den sich zu erinnern Helmuth James neuen Mut verlieh, war hart erarbeitet. Noch aus dem Gefängnis erteilte der Gutsherr deshalb Anweisungen und Ratschläge: Freya möge sich der Pflege der Vögel annehmen, die verschiedene Schädlinge vernichteten, dann werde sie herrliches Obst ernten können. Kleine Bäume zur Aufforstung seien zu empfehlen: sie müssten nur gesund und gut bewurzelt sein. Doch Freya brauchte keine Anweisungen. Im Krieg hatte sie gelernt, Bienen zu halten, die nicht nur Honig herstellten, sondern auch in den Obstbäumen gute Arbeit verrichteten; in ihren Bienenstöcken versteckte sie auch die Briefe ihres Mannes vor der Gestapo.

          Im August 1944 flog der Kreisauer Kreis auf – Einzelverhöre und Einzelhaft folgten. Helmuth James wurde in das Gefängnis Berlin-Tegel verlegt, um Anfang Januar 1945 von dem Volksgerichtshof unter seinem berüchtigten Präsidenten Roland Freisler zum Tode verurteilt zu werden. Die befreiende Gegenwart des Kreisauer Paradieses verlor an Kraft. Die Angst wuchs. Der bittere Kelch ging an Helmuth James von Moltke nicht vorüber. Am 23. Januar 1945 wurde er im Gefängnis Plötzensee erhängt.

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