
Helmut Schmidt zu Immanuel Kant : Entscheidung und Erkenntnis
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Mit Weitblick wusste Helmut Schmidt auch mit nebulösen Zitaten von Kant umzugehen Bild: AP
In einer Situation, die zwingend Handlung erfordert, ist beschränktes Wissen nicht unproblematisch. Das wusste auch Helmut Schmidt. Der ehemalige Bundeskanzler hatte zu einem Zitat von Kant einiges zu sagen. Erinnerung an eine Begegnung.
Der frühere Bundeskanzler empfing uns ein halbes Jahr vor seinem neunzigsten Geburtstag in seinem Herausgeberbüro im Hamburger Redaktionsgebäude der „Zeit“. Er sprach uns als Kollegen an, verwendete das unter Journalisten gebräuchliche „ihr“, die zweite Person Plural, um etwas zu kommentieren, das bei uns, in dieser Zeitung, gedruckt worden war.
Wir kamen im Auftrag eines früheren Bundespräsidenten. Roman Herzog sollte mit einer Festschrift geehrt werden und durfte sich die Beiträger wünschen. Frank Schirrmacher, dem 2014 verstorbenen, für das Feuilleton zuständigen Herausgeber dieser Zeitung, gab Herzog den Auftrag, Schmidt um die Interpretation eines Satzes von Immanuel Kant zu bitten: „Die Notwendigkeit zu entscheiden reicht weiter als die Möglichkeit zu erkennen.“
Im Gedächtnis seiner Landsleute
Dieses Zitat ist unter den Inhabern hoher Staatsämter höchst beliebt. Nur vier Jahre vor unserem Besuch bei Schmidt hatte es dessen Nachfolgerin im Amt des Kanzlers, noch als Oppositionsführerin, einem Aufsatz über den Beratungsbedarf der Politiker als Motto vorangestellt. Als Vorlage für Helmut Schmidt war der Merksatz perfekt ausgewählt. Die Entscheidungssituationen, durch die Schmidt ins Gedächtnis seiner Landsleute einging, liefern sie nicht sämtlich Lehrbuchbeispiele für Kants transzendentale Lagebeschreibung: Hamburger Sturmflut, Mogadischu, Entlassung der FDP-Minister? So baten wir Schmidt ohne alle Vorsprüche um seine Interpretation.
Er stellte fest, es handele sich tatsächlich um „ein sehr interpretationsbedürftiges Wort“, und formulierte dann eine Rückfrage. Sie bestand lediglich aus vier Wörtern und traf den entscheidenden Punkt: „Wo steht das Wort?“ Wir waren überfragt. Beim Blättern in der Akademie-Ausgabe von Kants sämtlichen Werken hatten wir es nicht gefunden, und die Staats- und Wirtschaftslenker, die es in Festschriftbeiträgen anzuführen lieben, zitieren es den nonchalanten Usancen ihres Standes gemäß immer ohne Fundstelle. Einer der ältesten über Google Books erreichbaren Nachweise stammt aus dem Jahr 1969: ein Artikel über die Wirtschaftspolitik des Ministers Karl Schiller, erschienen in der „Zeit“.
Schmidt wollte sich nun nicht auf die Autorität Roman Herzogs verlassen und ließ sich nicht darauf ein, das von Herzog gewiss an seriösem Ort aufgelesene Zitat vor dem Hintergrund des Kant’schen Gesamtwerks hin und her zu wenden. Kenntnis dieses Gesamtwerks prätendierte er nämlich nicht. Die einzige Schrift, die er „von Kant im Hinterkopf ganz einigermaßen sortiert“ habe, sei der Aufsatz „Zum ewigen Frieden“ – also der kurze Text, den wenigstens in seinem Metier jedermann kennen muss.
Schmidt erörterte mit uns jenes Problem des Handlungszwangs bei beschränktem Wissen, das der Bonner Philosoph Josef Simon ins Zentrum seiner den besten Geist der Bonner Republik atmenden Kant-Deutung gestellt hat, aber er erörterte es nicht auf der Basis des nicht verifizierten Zitats. Alles „kommt auf den Zusammenhang an, aus dem dieses Zitat herausgenommen ist“. Als solches sei das „Zitat offen für jedwede Interpretation“. Auch Interpretieren ist Handeln, zumal wenn die Interpretation mitgeschnitten, abgeschrieben und gedruckt wird, doch hier bestand für Schmidt keine Notwendigkeit, sich für ein Kant-Verständnis zu entscheiden. Als Positivist erwies er sich in dieser Situation, als kritischer Rationalist, indem er den weisen Spruch wie einen Verfassungssatz behandelte. Der Text kann alles bedeuten. Auf die Stelle kommt es an.