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Was lehrt die „Landshut“? : Der Preis von Mogadischu

Erster öffentlicher Auftritt von Bundeskanzler Helmut Schmidt nach der Befreiung der Flugzeuggeiseln in Mogadischu am 18. Oktober 1977. Bild: Picture-Alliance

Die Entführung der „Landshut“ jährt sich zum vierzigsten Mal. Seit einigen Tagen wartet die Maschine auf eine angemessene Präsentation am Bodensee. Ein guter Anlass, Helmut Schmidts Geheimdiplomatie zu beleuchten.

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          Wenn Kulturstaatssekretärin Monika Grütters demnächst einen wissenschaftlichen Beirat einberufen will, der ein Ausstellungskonzept für die soeben in Friedrichshafen eingetroffene, zuvor in Brasilien ausrangierte „Landshut“ erarbeiten soll, dann wird sie an Tim Geiger vom Institut für Zeitgeschichte nicht vorbeikommen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Die „Landshut“, diese 1977 von palästinensischen Verbündeten der RAF entführte und in Mogadischu von der deutschen Anti-Terror-Einheit GSG-9 befreite Lufthansa-Maschine, ist nicht nur ein „Mutmacher“ (Sigmar Gabriel) für heute, sondern lässt sich auch als außenpolitische Bewährungsprobe der damaligen Regierung Schmidt-Genscher lesen. Tatsächlich bietet die zukünftige Präsentation der „Landshut“ im Dornier-Museum Gelegenheit, an den deutschen Linksterrorismus in seinen grenzüberschreitenden, bis in den Nahen Osten reichenden Aktivitäten zu erinnern.

          Einblick in die Geheimdiplomatie

          „Dagegen ist die außenpolitische Dimension staatlichen Handelns im Anti-Terror-Kampf bislang kaum ins Bewusstsein gedrungen“, hielt Geiger im Jahre 2009 fest, und es ist nicht erkennbar, dass dieser Befund heute anders ausfallen müsste. Geiger kritisiert, „dass die amtlichen Dokumente zur Entführung der Lufthansa-Maschine ,Landshut‘ nicht angemessen zur Kenntnis genommen werden“. Er bezieht sich dabei namentlich auf die im Auftrag vom Auswärtigen Amt veröffentlichten Quellen, wie sie mittlerweile in der Edition „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“ einsehbar sind. Ein Ausstellungskonzept für die „Landshut“ im Dornier-Museum am Bodensee könnte das von Geiger festgestellte Manko ausgleichen und erstmals einer breiten Öffentlichkeit Einblick in die Geheimdiplomatie jener Tage geben.

          Das am 13. Oktober 1977 entführte Flugzeug „Landshut“ nach Landung in Mogadischu, Somalia. Ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis einbrannte.
          Das am 13. Oktober 1977 entführte Flugzeug „Landshut“ nach Landung in Mogadischu, Somalia. Ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis einbrannte. : Bild: dpa

          Damals ging es um die teils offene, teils verklausulierte Art und Weise, mit welcher der deutsche Staat der somalischen Regierung entgegenkam, um in Mogadischu mit Unterstützung der Somalier die Spezialeinheit GSG-9 zum Einsatz bringen zu können („Aktion Feuerzauber“). „Merkwürdigerweise drang die Tatsache, dass die Bundesregierung als Preis für Mogadischu ihre sonst so strikte Zurückhaltung bei Rüstungs(bei)hilfe in Kriegsgebiete bis zur Grenze des Vertretbaren auflockerte, kaum in das öffentliche Bewusstsein“, stellte Geiger nach Freigabe der geheimen Regierungsakten in einem Aufsatz in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte fest (3/2009).

          Schmidts wirtschaftliche Hilfe für Somalia

          Ausdruck des heiklen diplomatischen Lavierens war etwa eine Unterredung zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem somalischen Botschafter am 3. November 1977, also kurz nach der erfolgreichen Befreiungsaktion am 18. Oktober. Schmidt betonte, Bonn dürfe keine Waffen „an Krisengebiete außerhalb der Nato“ liefern oder Sicherheitsgarantien für Länder außerhalb des Atlantischen Bündnisses übernehmen. „Die Bundesregierung könne aber finanzielle Unterstützung geben, die auch für Verteidigungszwecke verwendet werden könne. Eine solche Vereinbarung müsse aber strikt vertraulich bleiben. Er (Schmidt) gehe davon aus, dass dies auch im somalischen Interesse liege“, heißt es in geheimer Mitteilung.

          Die Rückholung der vor vierzig Jahren von Terroristen entführten früheren Lufthansa-Maschine „Landshut“ gestaltet sich zum Teil schwieriger als erwartet. Als wichtige Etappe konnte nun die linke Tragfläche der flugunfähig im brasilianischen Fortaleza stehenden Boeing 737 abgenommen werden. Bilderstrecke
          Rücktransport aus Brasilien : Die schwierige Demontage der Landshut

          Und weiter: „Es werde sehr schwierig werden, eine deutsche finanzielle Zuwendung so zu verkleiden, dass ihre Zweckbestimmung (Verwendung für Waffenkäufe) verborgen bleibe.“ Man werde sich darüber jedoch ins Benehmen setzen.

          Noch im selben Monat, am 30. November, legte Schmidt gegenüber somalischen Spitzenpolitikern dar, die Bundesrepublik werde Somalia 1977/78 wirtschaftliche Hilfe in Höhe von 76 Millionen Mark bereitstellen. Ein Drittel davon werde in sogenannte Warenhilfe umgewandelt, also für den Kauf von Gütern einsetzbar sein, was Somalia „die größtmögliche Freiheit“ gebe, „dafür zu kaufen, was sie aus ihrer eigenen Sicht für vordringlich halten“ (daraus wurde dann ein ebenso verwickeltes wie verdecktes Dreiecksgeschäft, bei dem Somalia mit deutschen Geld russische Waffen in Ägypten erwarb, um sie später gegen Äthiopien zum Einsatz zu bringen). Freilich dürfe die Bundesrepublik, so Schmidt, „nicht als großer Finanzier Somalias dastehen. Deshalb wollen wir unsere Hilfe nach außen herunterspielen.“

          Etwas mehr vom Schmidtschen, an Popper geschulten kritischen Rationalismus, der seiner Fehlbarkeit stets gewahr bleibt, wünscht man sich auch für eine großzügige Berliner Finanzierung der „Landshut“ als zentralem Ausstellungsstück des „Deutschen Herbstes“ in Friedrichshafen. Noch, so ist am Bodensee zu hören, ziert sich der Bund.

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