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Helmut Schmidt : Die Deutschen bleiben ein gefährdetes Volk

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Daß wir im falschen Krieg waren, dieses Gefühl hatte ich. Aber das hat mich nicht davon befreit, meine militärischen Pflichten zu erfüllen. Und so verhielt sich das bei der Masse der Leute. Nun war ich bei der Luftwaffe, und die war, abgesehen von Hermann Göring, eigentlich nicht nazistisch. Unter den mir persönlich bekannten Offizieren - meistens jüngere Leute, Hauptleute, Majore, mein Oberst und ganz selten mal der eine oder andere General, den man kennenlernte - war kein Nazi. Aber keiner hat daran gezweifelt, daß er seine Pflicht als Soldat erfüllen muß. Das gilt natürlich auch für die Militärs, die den 20. Juli vorbereitet haben.

Hatten Sie das Gefühl, daß bei dem Prozeß gegen die Leute vom 20. Juli Verräter vor Gericht stehen?

Nein.

Hatten Sie das Gefühl, daß da Helden vor Gericht stehen?

Bei einigen ja, bei anderen nicht so sehr.

Nach dem Krieg hat Herbert Wehner Sie einmal als Oberleutnant tituliert.

Diese Bemerkung hat Wehner nicht mir gegenüber gemacht, ich hätte mich dagegen verwahrt. Wehner war ein guter, zuverlässiger Freund, solange ich ihn gekannt habe. Natürlich ist jeder durch den Krieg geprägt worden, und Leute, die durch den Krieg gegangen sind, gab es im Bundestag ebenso bei der CDU und auch bei der FDP. Die waren nicht in die Politik gegangen, um Karriere zu machen oder ihr Geltungsbedürfnis zu befriedigen, sondern weil sie von dem Bestreben erfüllt waren, daß sich um Gottes willen dieser Wahn niemals wiederholen sollte.

Wann hat sich dieses politische Motiv bei Ihnen eingestellt?

Ich bin nicht bewußt in die Politik gegangen, sondern ich war politisch engagiert, seit ich aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam. Im Frühjahr 1953 sagte mir jemand: Du kannst gut reden, du bist auch als Ökonom ausgebildet, solche Kerle können wir im Bundestag gebrauchen. Willst du nicht bei uns kandidieren? So sind mir drei Wahlkreise angeboten worden, einen davon habe ich genommen, nämlich den, der vor der eigenen Haustür in Hamburg lag. Ich habe damals gedacht, das wäre doch eigentlich interessant, vier Jahre lang mitzumachen. Ich habe nie beschlossen, Politiker zu werden.

Sie haben nicht nur an der Front erlebt, was Krieg ist. Im Sommer 1943 haben Sie gesehen, was in Ihrer Heimatstadt Hamburg durch die „Operation Gomorrha“ angerichtet worden war. Sie haben mit Ihrer Flakbatterie auch amerikanische Jagdbomber abgeschossen. Wie beurteilen Sie den alliierten Bombenkrieg?

Ich halte jeden Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung für unerlaubt, egal ob das Amerikaner machen oder Deutsche oder wer auch immer. Aber ich stehe mit dieser Meinung ziemlich alleine. Das Kriegsvölkerrecht verbietet es nicht.

Aber es hat eine Debatte gegeben, in der Ihre Meinung doch sehr viel gilt. Es gibt erfolgreiche Bücher, die den Bombenkrieg als Verbrechen ansehen.

Ich habe nicht gesagt, der englisch-amerikanische Bombenkrieg war ein Verbrechen. Ich habe gesagt, jeden Bombenkrieg gegen Zivilisten halte ich für unzulässig, ich habe nicht gesagt: für ein Verbrechen. Schließlich war den Angriffen auf die zivile Bevölkerung deutscher Städte alles mögliche andere vorangegangen.

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