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Helmut Schmidt : Die Deutschen bleiben ein gefährdetes Volk

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Wochenschauen habe ich nicht gesehen, dazu hätte man ins Kino gehen, also Eintritt bezahlen müssen. Ich bin in meiner ganzen Jugendzeit dreimal im Kino gewesen. Es gab allerdings einen Faktor an der Nazigeschichte, der mich angezogen hat. Das hing zusammen mit dem Sozialreferenten der Hamburger Marine-Hitlerjugend. Der erschien mir als der wichtigste Mann. Nicht der Gefolgschaftsführer oder Bannführer oder wie die alle hießen, sondern er, der dafür sorgte, daß die armen Jungs, deren Eltern ihnen keine Uniform kaufen konnten, auch eine bekamen. Es gab diese soziale Komponente. Später habe ich etwas über Strasser gelernt, der die Personifikation dieser Komponente war. Das habe ich aber mit vierzehn oder fünfzehn Jahren nicht gewußt.

Wann hatten Sie erstmals den Gedanken, daß dieser Nationalsozialismus in den Untergang führen würde?

Das habe ich 1941 gewußt, als sie den Krieg gegen die Sowjetunion anfingen. Aber vorher, 1937, gab es die Ausstellung „Entartete Kunst“. Da habe ich begriffen: Die sind verrückt. Ich habe sie damals nicht für Verbrecher gehalten, aber für geistig beschädigt. Denn da wurde Käthe Kollwitz, da wurden meine großen Idole, Ernst Barlach und Emil Nolde, die deutschen Expressionisten allesamt, für entartet erklärt.

Wann hatten Sie zum ersten Mal eine Idee davon, daß die Nazis Verbrecher sind?

Nach dem Krieg. Ich habe gewußt, daß Hitler Deutschland ins Elend führen würde, und ich habe mir das Ende des Krieges schlimmer ausgemalt, als es dann geworden ist. Aber ich habe ihn nicht für einen Verbrecher gehalten. Ich habe von dem Genozid an den Juden nichts gewußt, wie viele Menschen damals.

Aber Sie waren doch im Krieg. Wo sind Sie gewesen?

Zunächst im sogenannten Heimatkriegsgebiet, dann im Rußlandfeldzug und ganz zum Schluß in der Ardennenoffensive im Westen. Aber ich war bei der vordersten kämpfenden Truppe, soweit ich in den Feldzügen war, und da sieht man nicht, was in der Etappe passiert, darüber redet man auch nicht.

Aber man hat gewußt, daß es Konzentrationslager gab?

Ich habe davon nichts gewußt, mein Vater auch nicht.

Es gab Konzentrationslager in der Nähe von Hamburg: Neuengamme, Bergen-Belsen.

Mein Vater und auch meine Schwiegereltern, die Juden versteckten - nicht auf Dauer, nur für eine Nacht auf dem Boden und eine Nacht im Keller, und ein paar Tage später kam jemand anderes für eine Nacht -, wir alle haben davon nichts gewußt.

Sie haben aber ein anderes Verbrechen miterlebt: Sie waren abgeordnet zu dem Prozeß gegen die Attentäter vom 20. Juli 1944. Wie haben Sie das empfunden?

Zutiefst abschreckend und erschütternd. Als ich an dem Abend dieses Tages zu General von Rantzau kam, bat ich um ein Gespräch, weil ich von dieser Pflicht befreit werden wollte. Da begrüßte mich von Rantzau mit den Worten: „Na, Schmidtchen, was haben die Braunen jetzt wieder angestellt?“ Der wußte schon, was da los war.

Haben Sie es damals auch als Ihre patriotische Pflicht angesehen, oder haben Sie das Gefühl gehabt, im falschen Krieg zu sein?

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